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Illustration: Julia Pustet

Warum mich Selbstliebe auf sozialen Medien (meistens) nervt.

„Ich bin im Einklang mit mir selbst, ihr Ficker.“

Die drei Top-Ergebnisse unter dem Hashtag „Bodypositivity“ zeigen schöne, weiße, wohlhabende Frauen, die ins Leere lachen. Vielleicht freuen sie sich über die kinky Villen-Atmosphäre, Unterhosen für 300 Dollar, 5000 Likes oder sie lachen einfach über das Fußvolk. Ganz normaler Insta-Content eben. Bloß, dass die Damen übergewichtig sind. Womit sie sogar unter dem Hashtag „Bodypositivity“ eine Sonderrolle einnehmen, denn je weiter ich scrolle, desto mehr Fotos von Sport-Hintern in teurer Funktionskleidung finden sich im Feed, umrankt von Sinnsprüchen, Müsli, Yogacontent und  – merkwürdigerweise – Hunden.

Gebe ich „Selflove“ ins Suchfenster ein, verzehnfacht sich die Zahl der Ergebnisse auf über 20 Millionen. Der Anteil an Inspirational Quotes steigt deutlich an. Bauchmuskeln, Verrenkungen, Sonnenblenden-Effekte und Vorher-Nachher-Fotos dominieren den Feed. Ich fühle mich irgendwie körpernegativ.

Ist das wirklich Selflove oder einfach nur Freude darüber es geschafft zu haben?

Als ich zur Schule ging, galten Menschen als Angeber, die ungefragt mit Bauchmuskeln prahlten. Wer sich täglich vor die Klasse stellte, um aus Papas Aktienportfolio vorzulesen, hatte mit Schlägen zu rechnen. Und wer sich bei der Schulleitung darüber beschwerte, dass der neue SUV nicht auf den Schülerparkplatz passte, schaffte es definitiv in die „Opfer des Jahres“-Rubrik der Schülerzeitung. Damals war Social Media noch kein großes Ding und der bloßen Angeberei mit Geld und Körpern haftete immer auch etwas Peinliches an. Prahlende reiche Kinder wurden belächelt und natürlich heimlich beneidet – zumindest von uns, den Außenseitern.

Es wäre ganz toll, würden #selflove und #bopo bedeuten, dass alle früheren Außenseiter heute öffentlich zu sich stehen könnten. So wie die damaligen Angeber, nur deeper. Als würde die Magie des Hashtags die Internet-Community plötzlich beschwören, manisch alle Makel zu verzeihen. Dem ist aber nicht so. Selflove scheint mir, zumindest auf Social Media, zu 90% ein Privileg der Selbstverliebten zu sein. Wer damals mit dem Luxusurlaub oder der neuen Moncler-Jacke angab, steigert sein Selbstbewusstsein und Ansehen heute auf sozialen Medien zusätzlich mit „Selfcare“ und „Selflove“, und ist immernoch ein Arschloch. Ein privilegiertes Arschloch, das sich beim Yoga auf einer begrünten Dachterrasse fotografiert.

Wenn du dich nicht selbst liebst, kann dich auch niemand anderes lieben”

Joelle Notte gibt im Band “Ask. Building consent culture” Einsichten in das Leben mit psychischer Krankheit in der Polyamorie-Szene: “Viele Menschen lieben sich nicht selbst. Sie können es nicht. Sie werden sich auch niemals lieben. Ihnen einfach zu sagen, dass sie sich zu lieben haben bevor sie die Liebe irgendeines Anderen haben können, ist nicht nur grausam, es kann auch extrem auf sie zurückfallen. […] Selbstliebe offen zur Schau zu stellen lässt nicht so viel Raum für echte Bedürfnisse.”

Nottes Aussagen lassen sich ohne weiteres auf soziale Netzwerke übertragen. Plakativ übersteigerte Selbstliebe fungiert hier mitunter als Ticket zum Erfolg. Doch für die, die sich eben nicht lieben können, ändert auch ein Mantra nichts. Und ob man es schafft, sich selbst zu lieben, hängt nicht nur von der “positiven Einstellung” ab. Inspirierenwollende Selflove-Sprüche und entschlossene Hashtags bieten letztlich vor allem den Menschen Selbstbestätigung, die diese Bestätigung auch schon von Anderen erfahren. Für die, die darum kämpfen müssen, sind sie eine Farce.

Empowern oder Einschüchtern?

#bodypositivity, #selflove und #selfcare haben trotz alles Empowerments extrem reaktionäre Elemente. Die Entscheidung, zu sich selbst zu stehen, kann und sollte natürlich widerständig sein. Das öffentliche Ausleben dieser Entscheidung kann bedeuten, sich gegen Diskriminierung und Abwertung, aber auch vorherrschende Schönheits- und Körpernormen zu stellen. Soziale Medien können Menschen verschiedenster Hintergründe darin unterstützen, Scham abzubauen und die Bandbreite an Verletzbarkeiten und Selbstzweifeln greifbar zu machen. Das ist erstmal super. In seinen gegenwärtigen Formen befeuern die Bekenntnisse und Aufrufe zur Selbstliebe jedoch vor allem eins: Den Zwang, sich selbst immer weiter zu optimieren – sogar in den Bereichen des Lebens, in denen man “nur” man selbst sein soll. Sie erzeugen das Diktat, gefälligst positiv zu denken, sich um sich selbst zu kümmern, zu sich zu stehen und sich ohne Ende selbst zu akzeptieren. Man soll seinen Körper embracen, aber doch bitte nicht seine Komplexe. Wer die nicht los wird, hat versagt.

Stay positive, Bitch!

Bodypositivity ist ein oft “Bewegung” genanntes Hashtag, hinter dem ein schöner Ansatz steht: Das, was oft “Makel” genannt wird, als Facette von Schönheit zu begreifen. Die mediale Norm der dünnen, weißen Frau soll durch Bilder von stolzen, selbstbewussten Menschen in all ihrer Vielfalt gebrochen werden. #saggyboobsmovement zielt darauf ab, hängende Brüste zu normalisieren, statt sie als Makel zu begreifen, die #EDwarriors wollen durch das Zelebrieren realistischer Körperbilder Essstörungen bekämpfen, Accounts wie @andigetsdressed zeigen Streetstyles von Frauen aller Körpertypen und Hautfarben.

Das alles ist nicht nur großartig, es ist notwendig. Es ist so notwendig, dass ich mich ärgere, wenn man große Marken wie H&M dafür feiert, einen geringen Prozentsatz normalgewichtiger Models zu buchen. Daran stört mich noch am wenigsten, dass #bopo offensichtlich ein Marketinginstrument geworden ist – das ist in unserer Welt der traurige Lauf der Dinge. Vor allem aber werden diejenigen, die wirklich mit Körperschemastörungen, psychischen Krankheiten, Essstörungen zu kämpfen haben, auch durch Bodypositivity kaum mehr Anerkennung erfahren. Und um Social-Media-Star oder Plus-Size-Model zu werden, ist mehr gefragt als die banale Tatsache, einen BMI über 20 zu haben: Wer das falsche Gesicht, die falsche Herkunftsklasse, die falsche Gewichtsverteilung oder nicht genug soziales und kulturelles Kapital hat, hat trotzdem verschissen.

Das zentrale Problem jedoch besteht darin, dass der Wert von Schönheit trotzdem unangefochten bleibt: Schönheit erscheint einfach wichtig genug, um für alle eingefordert zu werden. Dass Bodypositivity vor allem Frauen meint, ist kaum verwunderlich: Immerhin steht das Aussehen bei der persönlichen Bewertung von Frauen schon traditionell höher als bei Männern. Auf die Idee, Schönheit einfach nicht mehr so wichtig zu finden, kommen auch weite Teile der Bopo-Aktivistinnen nicht. Das empowerndste YouTube-Video, an das ich mich erinnere, stammte von der Powerlifterin @megsquats. Es endete mit den Worten: “How you look is the least interesting thing about you.”

Jetzt bin ich dir so weit entgegengekommen und du schaffst es trotzdem nicht.”

#bodypositivity ist Empowerment. Es ist aber auch eine Erweiterung der alten “Jeder kann es schaffen”-Lüge. So wie man einmal daran glaubte, dass jeder Tellerwäscher durch harte Arbeit Millionär sein könne, sollen es heute alle schaffen können Kraft ihrer Durchschnittlichkeit Influencer oder Model zu werden – oder zumindest sich selbst zu akzeptieren. In den sozialen Medien suggeriert #bopo zudem, dass radikale Ehrlichkeit belohnt würde. Mit Likes, Zuwendung, Anerkennung. Das stimmt aber nicht. Niemand würde “Instagram vs. Reality”-Pics posten, auf denen ein und derselbe Hintern in zwei Posen gezeigt wird (von der die eine “gnadenlos ehrlich” ist), wenn es dafür keine messbare Anerkennung gäbe. “Schaffen” kann “es” trotz allem nur die oder der, der ordentlich Glück hatte: mit der psychischen Verfassung, dem richtigen Umfeld, dem passenden Gesicht, den finanziellen Möglichkeiten oder ganz viel Zufall. Alle anderen scheitern an einem Ideal, das so tut als wäre es keins und das ihnen unter die Nase reibt: “Jetzt bin ich dir so weit entgegengekommen und du schaffst es trotzdem nicht.”

Gegen Anorexie ist kein Hashtag gewachsen

Ich litt vor Jahren an Magersucht. Auch damals wurde ich gelegentlich mit Fotos von Frauen verschiedenster Körpertypen konfrontiert. Und auch ich konnte normal- bis übergewichtige Frauen schön finden. Ich wollte nur auf gar keinen Fall eine davon sein. Ich hungerte ja nicht, um schön zu sein. Sondern, um die Kontrolle zu behalten. Mein Selbstwertgefühl wuchs nicht an positiver Bestärkung – ein “wie schön du aussiehst, du hast ein wenig zugenommen” hätte mich hart getroffen. Wenn ich Menschen traf, die nach Überwindung ihrer Essstörung zehn, zwanzig Kilo zugenommen hatten, dachte ich mir “Sieht gut aus. Ich hoffe nur, dass mir das niemals passiert.”

Was nämlich gerne unter den Tisch fällt: Die Gründe für Essstörungen lassen sich nicht einfach auf die Verbreitung von gewissen Schönheitsidealen reduzieren. Wichtige Faktoren bei der Entstehung von komplexen Störungen wie Sportsucht, Bulimie und Anorexia nervosa können frühkindliche Erfahrungen, das Verhältnis zur Ursprungsfamilie oder diverse psychische Konflikte sein. Erfahrungen von Betroffenen, die die eigene Essstörung überwunden haben, können manche Erkrankte unterstützen. Es ist jedoch fraglich, inwiefern Fotos normalgewichtiger Frauen, die unter dem Hashtag #EDrecovered (“von Essstörungen Geheilte”) geteilt werden, akut Betroffenen oder Gefährdeten überhaupt eine Identifikationsfläche bieten.

Denn im Kern der Krankheit steht oft die Angst vor der Heilung: Vielen Magersüchtigen gilt sie als Schwäche und Abkehr von den eigenen Prinzipien. Es kann nach Beginn des Heilungsprozesses extrem lange dauern, bis die Bilder der Geheilten ihren Schrecken verloren haben.

Sich um sich selbst zu sorgen ist ein Anspruch, der so lange verwässert wurde bis aus ihm eine Hautcreme wurde.

Wo #bopo steht, ist #selfcare nicht weit. Dass hinter dem viel diskutierten Begriff eine Industrie steht, zeigt sich gerade in den sozialen Medien: Ein Großteil der erfolgreicheren Selfcare-Postings macht im Grunde Werbung für irgendwelche Produkte, für Gesichtsmasken, Spa-Besuche, Luxusreisen, Detox-Tees und überteuerte dunkle Schokolade. „Einfachheit“ wurde paradoxerweise zum Ideal des schönen Lebens: Pastellfarbene Produkte in zurückhaltendem Design werden auf einfachen Holztischen präsentiert und als essenzielle Heilsbringer vermarktet. Jede Discounter-Seife verspricht das pure Glück und “simple moments”. In der Realität bedeutet Einfachheit aber nicht Massivholz, sondern Pressspan. Und sind wir mal ehrlich: Vom Schein der zärtlichen Geste gegenüber dem Selbst bleibt nicht mehr viel übrig, wenn wir uns eine alleinerziehende Mutter vorstellen, die ihre Kinder in der Plattenbauwohnung bei den Hausaufgaben betreut, während die Erdbeermaske von Balea einzieht. So sieht es halt aus, das einfache Leben.

Selbstliebe ohne Solidarität ist wertlos.

Die Flut an Selbstliebe-Produkten sollte den Blick auf eine politische Tradition des Begriffs nicht verstellen. Die afro-amerikanische Aktivistin, Feministin und Schriftstellerin Audre Lorde schrieb im Jahre 1988 Sätze an die, im Zuge der jüngeren Debatten um Selbstcare und Selbstliebe, oft erinnert wurde: „Für mich selbst zu sorgen, ist kein persönlicher Luxus. Es ist Selbsterhalt und damit ein Akt politischer Kriegsführung.Self-Care bedeutet bei Lorde, sich um sich selbst zu sorgen, um den politischen Kampf weiterführen zu können. Selbstbehauptung fungiert dabei auch als ein Mittel des Kampfes gegen die, die das eigene Selbst angreifen. Yashna Padamsee von der „National Domestic Workers Alliance“ begreift den Begriff der Self-Care bei Lorde als ein Mittel dem „aktivistischen Burnout“ entgegenzuarbeiten. Sie fragt: “Was ist der Zweck eurer Self-Care? Tut ihr das für uns alle, oder nur für euch selbst?”

Was für #selfcare gilt, lässt sich auch auf #bopo, #selflove und Co. übertragen: Sie haben ihren Wert da, wo sie solidarisch sind, ehrlich und kämpferisch. Wo man sich der Tatsache bewusst ist, dass nicht alle Frauen die gleichen Kämpfe ausfechten müssen, und persönliche Hindernisse und Hürden nicht gerecht verteilt sind.

Die Schule ist vorbei.

Ich selbst glaube, ich habe kein besonderes Verhältnis zu meinem Körper. Ich bin weder Bodypositiv noch Bodynegativ. Ich bin eher Bodyneutral und das genügt mir. Meine Kämpfe gegen Magersucht und It-Girls sind lange her und fast vergessen. Ich denke aber: Selbstliebe und ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper sind kein Mantra, sie sind kein Produkt. Sich selbst zu lieben ist nichts, wofür man sich einfach entscheidet. Es ist das Ergebnis langer und komplexer Prozesse, auf die man sich einlassen muss. Und diese Prozesse und Kämpfe sehen so verschieden aus wie die Menschen, die sie führen und die Kämpfe, in die sie verstrickt sind.

 

Julia

 

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