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Frau hinter Vorhängen verdeckt

23 Regeln für mehr Konsens und besseren Sex

Wir von Love Records reden gerne und viel über Konsens. Erstens, weil das Spaß macht. Und zweitens ist es extrem fahrlässig, ja völlig gaga, sich nicht über Konsens auszutauschen. Also fangen wir nochmal mit den Basics an:

Konsens bedeutet, dass alle Beteiligten, die Sex miteinander haben (also in aller Regel zwei Menschen) gemeinsam und erklärtermaßen Lust auf das haben, was geschieht.Wenn über eine Handlung, egal ob über Küssen, Anfassen oder eine bestimmte Praxis, kein Konsens besteht, wird die Situation in den allermeisten Fällen als unangenehm und übergriffig wahrgenommen, weil Grenzen verletzt werden. Grenzverletzungen sind jedoch sehr unterschiedlich:

– Es gibt Situationen, in denen der Täter oder die Täterin sehr wohl weiß, dass kein Konsens bestand. Das ist bei einer Vergewaltigung der Fall.

– Es gibt auch Momente, in denen eine Person ziemlich fahrlässig “übersieht”, dass kein Konsens besteht –  etwa, weil sie keine Fähigkeit oder Bereitschaft zur Empathie besitzt. Oder auch, weil er*sie falsche Vorstellungen von Konsens hat: Wenn er*sie zum Beispiel denkt, alles ist okay, wozu nicht explizit “nein” gesagt wurde. Solche Situationen können sich ebenso noch im selben Moment übergriffig anfühlen – und sind es natürlich auch. Sie werden manchmal aber auch erst im Nachhinein als übergriffig bewertet. Oft werden sie auch als “schlechter Sex” verbucht.

– Und dann gibt es Situationen, in denen über etwas kein Konsens besteht, weil zwischen den Beteiligten nicht richtig kommuniziert wurde. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn eine*r oder beide denken, sie müssten etwas bestimmtes tun, weil es “dazugehört”. Oder, wenn sie noch nicht so genau wissen, wie man eigentlich über Grenzen spricht. Oder auch, wenn eine Person ambivalente Gefühle hat. In solchen Situationen kann es passieren, dass ein “Nein” überhaupt nicht kommuniziert wird. Oder dass es so zaghaft ist, dass es übersehen wird.

Situationen, in denen kein richtiger Konsens besteht, können also mehr oder weniger gewalttätig, und mehr oder weniger traumatisierend sein. Viele Menschen denken aber, nur schlechte Menschen würden Konsens übergehen. Und weil sie sich selbst für einen guten Menschen halten, denken sie, sie können quasi gar nicht übergriffig sein. Das stimmt aber nicht. Jeder Mensch muss lernen, wie Konsens funktioniert und wie man darüber spricht. Und es liegt immer in der Verantwortung aller Beteiligten, über Grenzen und Bedürfnisse zu kommunizieren: vor dem Sex, beim Sex und nach dem Sex. Und am besten so klar wie möglich.

Um die verschiedenen Facetten des vieldiskutierten und oft fehlverstandenen Begriffs zu beleuchten, haben wir für euch dieses Glossar erstellt. Hier findet ihr zusammengefasst, warum Konsens sowohl super sexy als auch total unumgänglich ist. Außerdem erfahrt ihr, wieso das Gelaber über Sex-Verträge und Lustkiller in die Mottenkiste menschenhassender Trolle verbannt gehört.

Trigger-Warnung: Das Spektrum von Situationen, in denen Konsens verhandelt wird, ist unendlich groß. Daher haben wir in diesem Text einige Beispiele gesammelt, um begreiflich zu machen, wie Grenzüberschreitungen, aber auch gelungener Konsens aussehen können. Personen mit Traumata könnten sich von unseren Negativ-Beispielen getriggert fühlen.

1. Nein heißt Nein.
Der Klassiker unter den Grundregeln. Gilt beim Abo-Verkaufen, beim Ansprechen, beim Drinks-Ausgeben, an Clubtüren, beim Flirten, beim Knutschen, beim Sex. Es gilt einfach immer. Viele Menschen denken irgendwie, es sei sexy oder ein Zeichen verführerischer Finesse, aus einem „nein“ ein „ja“ zu machen. Das ist aber Unsinn. Ein “Nein” gehört in jedem Fall ernst genommen. Schon deshalb, weil „Nein“ sagen den meisten Menschen leider unangenehm ist. Das „Nein“ klang in euren Ohren kokett? Uff. Dann haltet ihr Stalking auch für romantisch. Ein verbales „Nein“ nicht zu respektieren, ist übrigens nicht die einzige, aber mit Sicherheit eine der eindeutigsten Arten, sich übergriffig zu verhalten.

Konsens-Erfolgsstory:

”Willst du mit mir was trinken/ knutschen/ Sex haben?”
“Nein.” “
Alrighty.”
So einfach.

2. Ein nonverbales Nein gilt auch als ein Nein.
Ein „Nein“ muss nicht immer ausgesprochen werden. Es kann sich auf viele Arten ausdrücken: Durch Wegsehen oder Weitergehen, durch Desinteresse, durch fehlende Anteilnahme, durch knappe Antworten oder ausweichendes Verhalten. Einfach durch jede Art des Verhaltens, die irgendetwas andeutet außer klare Zustimmung. Auch das gilt übrigens für sämtliche Arten des menschlichen Kontakts. Um nonverbale Arten des Neinsagens zu erkennen, sind nicht nur Regelwerke, sondern soziale Kompetenzen, Empathie und Sensibilität vonnöten.

Konsens-Story:

“Hey, kann ich dir nen Drink ausgeben?”
“Naja… ääh.. also..”
“Dann geh ich lieber mal wieder. Hab noch nen schönen Abend!”

(Übrigens: Wenn die Person sich wirklich einfach noch unsicher ist, weiß sie ja jetzt, dass Interesse besteht. Wenn ihrerseits auch Interesse aufkommen sollte, wird sie sich schon von alleine bei euch melden.)

Negativ-Beispiel:

“Hey du da, wie heißt du?”
(Geht weiter)
“Hey, bleib doch mal stehen!”
(Geht weiter)
“Bist du Studentin? Hey, rede doch mit mir! Hey! Du bist hübsch!”
(Fühlt sich extrem unwohl, geht ein bisschen schneller, krallt Hände in der Tasche um ihren Schlüsselbund, wird den Rest des Tages mit schlimmen Aggressionen zu kämpfen haben.)

3. Ein enthusiastisches Ja ist das sicherste Ja.
Ihr wollt mit eurem Gegenüber unbedingt diese eine Sache tun, doch sie scheint unsicher oder desinteressiert? Vergesst nicht: Das hier ist keine Vertragsverhandlung. Ihr versucht nicht irgendwie ein halbherziges „Okay“ auszuhandeln und die andere Person dann darauf festzunageln. Beim Sex gilt: Ein „Ja, mach halt, meinetwegen“ bringt in den seltensten Fällen Spaß zum Ausdruck. Ein „OH MEIN GOTT, JA!“ hingegen in den allermeisten.
(Sexarbeit ist übrigens ein Sonderfall: Hier kann nicht in jedem Fall davon ausgegangen werden, dass der Sex beiden Personen auf die gleiche Art Befriedigung verschafft. Hier ist die Regel jedoch vergleichsweise klar: Verbale Absprachen gelten, und jeder Konsens kann widerrufen werden. Punkt.)

Konsens-Story:

Jens hat seine Partnerin Bine gefragt, ob sie mal gemeinsam einen Porno sehen wollen, aber sie wirkt noch nicht so überzeugt. Also sagt Jens einfach: “Weißt du was, generell hätte ich da Lust drauf. Solltest du irgendwann selbst total Lust darauf haben, sags mir einfach, okay?” Um Bine nicht zu bedrängen, spricht er den Wunsch seinerseits einfach nicht mehr an, solange sie ihn nicht selbst zur Sprache bringt. Bine hat genug Raum, darüber nachzudenken, wie sie seinen Wunsch findet. Am Ende entscheidet sie zwar, dass sie keine Lust darauf hat, aber die Entscheidung ist nicht mit negativen Gefühlen verbunden.

Negativ-Beispiel:

Jens möchte mit Bine gern einmal beim Sex zusammen einen Porno sehen. Immer wieder fragt Jens nach, ob Bine nicht vielleicht auch Lust darauf hat, und immer wieder antwortet sie ausweichend. Sie wollte eigentlich noch herausfinden, wie sie dazu steht, fühlt sich aber langsam unter Druck gesetzt. Jens fragt sie jedoch immer wieder, bis Bine irgendwann trotzig sagt: “Ja, okay, mach halt einen an”. Jens genügt das als ein “Ja”, aber Bine fühlt sich mit der Situation zunehmend unwohl. Sie ist wütend, dass er sie beim Wort genommen hat, statt wirklich Interesse daran zu zeigen, wie sie dazu steht.

4. Konsens gibt man nicht nur einmal, sondern ständig.
Ein weitverbreiteter Irrtum besteht darin, dass Konsens zu Beginn einer sexuellen Begegnung gegeben wird und dann einfach weiterhin gilt. Das ist Unsinn. Konsens muss während einer Begegnung ständig kommuniziert werden und kann jederzeit entzogen werden. Das bedeutet nicht, dass vor jedem weiteren Schritt ein Plenum einberufen und ein Vertrag unterzeichnet werden muss. Es bedeutet nur, dass ihr nicht einfach aufhören könnt, auf die Signale eures Gegenübers zu achten. Und es bedeutet, dass ihr zu jedem Zeitpunkt den Wunsch respektieren müsst, den Sex zu beenden oder gewisse Handlungen ohne Diskussion zu unterlassen. “Ongoing consent” bedeutet, dass alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt darauf achten, dass sowohl sie selbst als auch die andere Person nicht nur zähneknirschend einwilligen oder apathisch mitmachen, sondern auch Freude an dem haben, was geschieht.

Konsens-Story:

Anja und Susi haben sich in einer Bar kennengelernt, gut verstanden und sind zusammen zu Susi nach Hause gegangen, um noch einen Kaffee zu trinken. Anja hat große Lust auf Sex mit Susi, merkt aber, dass Susi zurückhaltend und etwas unsicher ist. Nachdem es zum Kuss zwischen beiden gekommen ist, tauschen die beiden Blicke aus und lächeln sich an. Susi merkt durch die ehrliche Zurückhaltung von Anja, dass sie sie nicht überrumpeln möchte, und fühlt sich in der Situation sicher.
Sie küssen sich noch eine Weile. Anja merkt, dass Susi mit Blicken andeutet, für einen Ortswechsel bereit zu sein. Weil sie sichergehen möchte, fragt sie: “Hast du Lust darauf, ins Schlafzimmer zu gehen?” Susi nickt. Anja möchte Susi nicht überrumpeln und fragt einfach immer wieder nach, worauf sie Lust hat.

Negativ-Beispiel:

Anja weiß ziemlich genau, dass sie mit Susi schlafen will, während Susi erst noch Zeit braucht, um herauszufinden, womit sie sich gerade wohlfühlt. Es kommt zu einem Kuss zwischen den beiden. Weil Anja schon den ganzen Abend davon ausging, dass die Begegnung geradewegs auf Sex zusteuert, drückt sie Susi sofort gegen die Wand und flüstert ihr ins Ohr: “Wo ist das Schlafzimmer?” Susi geht alles viel zu schnell, und plötzlich ist ihr die Situation sehr unangenehm. Sie entzieht sich der Umklammerung von Anja und sagt: “Du solltest jetzt lieber gehen”. Am Ende fühlt Susi sich mies, und Anja natürlich auch.

5. Nachfragen ist sexy.
Es gibt nunmal Menschen, die zurückhaltend sind. Die bei einem Flirt eher schüchtern in sich hinein lächeln, als ihr Gegenüber anzustrahlen. Oder die beim Sex eher ruhig sind und genießen. Ein enthusiastisches “Ja” ist dann vielleicht einfach nicht drin. In solchen Fällen ist einfach empathisches Nachfragen angesagt. Ein einfaches „Hast du darauf Lust?“ fällt vielen Menschen immer noch schwer, ist aber in vielen Fällen angebracht und tut auch niemandem weh.
Eins gilt immer: Wenn ihr nicht sicher seid, ob gerade Konsens über das besteht, was ihr tut oder tun wollt, solltet ihr nachfragen. Das gilt zum Beispiel dann, wenn euer Gegenüber gerade noch viel Lust gezeigt hat und plötzlich zurückhaltend und ruhig ist. Das kann viele Gründe haben. Vielleicht genießt die Person still. Vielleicht ist sie in Gedanken, genießt aber trotzdem. Vielleicht hat sie in dieser Position keinen Spaß. Vielleicht hat sie überhaupt keine Lust mehr. Vielleicht stört sie irgendein Verhalten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen beim Sex ambivalente Gefühle haben. Es ist aber wichtig, dass die positiven deutlich überwiegen und man sich sicher fühlt. Ihr seid nicht sicher, ob euer Gegenüber gerade noch Lust hat? Fragt einfach. Geeignete Sätze wären zum Beispiel: „Willst du damit weitermachen?“, „Soll ich weitermachen?“, „Macht dir das Spaß?“, „Worauf hast du Lust?“ oder einfach „Gefällt dir das?“. Die Person antwortet ausweichend oder wirkt unsicher? Zeigt, dass es überhaupt kein Problem ist, irgendetwas anderes zu tun.

Konsens-Story:

Marco und Sandra haben gerade einvernehmlichen Oralverkehr, als Sandra auf einmal ein blöder Gedanke kommt. Sie versucht, ihn zu verscheuchen, aber das macht alles nur noch schlimmer. Nachdem sie begonnen hat sich dafür Vorwürfe zu machen, kann sie den Oralsex nicht mehr genießen. Marco merkt, dass Sandra auf einmal viel weniger auf ihn reagiert und fragt: “Hey, soll ich denn weitermachen?” Sie muss lachen, zieht Marco an sich, und die Unterbrechung reißt sie auch aus ihrem Gedankenkreisen. Die beiden küssen sich, liegen ein wenig herum und unterhalten sich über das, was Sandra so beschäftigt hat. Ein bisschen später schlafen sie miteinander, ohne blöde Gedanken.

6. Auf einmal keine Lust mehr zu haben ist total okay und völlig normal.
Entgegen dem, was uns Filme, Pornos und Erzählungen immer wieder nahelegen: Sex verläuft nicht linear. Viel zu viele Menschen haben einen ziemlich stereotypen Ablauf im Kopf: Küssen – Ausziehen – Fummeln – Oralsex – ggf. Vögeln mit 1-5 Stellungswechseln – Orgasmus – aus die Maus.
Echter Sex kann so verlaufen, muss er aber nicht. Manchmal haben Menschen mittendrin keine Lust mehr oder Lust auf was ganz anderes. Oder sie unterhalten sich eine Weile, liegen herum machen dann weiter. Bei manchen Menschen ist Sex schnell und intensiv, bei Anderen dauert er Stunden und verläuft in Wellen. Sämtliche Arten, Sex zu haben, sind okay. Genauso ist es auch okay, irgendwann einfach aufzuhören.

Negativ-Beispiel:

Mitten beim Sex klingelt Bens Telefon. Das bringt ihn so aus dem Konzept, dass seine Lust komplett zum Erliegen kommt. Nachdem Ben seiner Partnerin das zu verstehen gegeben hat, reagiert sie verständnislos und gereizt. Sie sagt: “Na dann machs mir halt irgendwie anders. Kann ja wohl jetzt nicht dein Ernst sein.”

7. Zustimmung zu A bedeutet nicht Zustimmung zu B
Gemeinsam irgendeinen Schritt zu gehen, egal ob Anlächeln, Küssen, ausziehen oder Fummeln bedeutet noch lange keine Zustimmung zu irgendeinem nächsten Schritt. Nur weil ihr mit Person X im Club knutscht, heißt das noch nicht, dass sie eine Erektion in die Leistengegend gedrückt haben möchte. Dass jemand sich an euch rankuschelt, bedeutet noch nicht, dass die Person Lust hat, ausgezogen zu werden. Nur weil die ersten fünf Minuten Vögeln Spaß gemacht haben, muss das noch lange nicht für Minute sechs und sieben gelten. Beim Flirten wie auch beim Sex können verschiedenste Dynamiken ausgelöst werden. Lust kann spontan wachsen und spontan abflauen. Und: Jeder Mensch hat beim Sex andere Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse. Konsens bedeutet einfach nur, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Das bedeutet nicht nur, dass es wichtig ist, die Zeichen Anderer zu erkennen. Sondern auch, sich selbst gut genug kennenzulernen, um zu wissen, wann eigene Grenzen erreicht sind. Und natürlich zu lernen, dass man sie grundsätzlich kommunizieren darf.

Übrigens: Kleidung bedeutet grundsätzlich Zustimmung zu gar nichts. Du trägst einen kurzen Rock und Highheels? Kein Konsens. Du läufst mit einem Fetisch-Catsuit durch Berlin? Kein Konsens. Du gehst nackt zum Späti? Vielleicht eine Ordnungswidrigkeit. Aber kein Konsens.

Konsens-Story:

Eines Tages besucht Sammy Kilian zum ersten Mal zu Hause. Kilian ist ein bisschen nervös, weil Sammy etwas älter und erfahrener ist und ihn verunsichert. Die beiden kennen sich noch nicht lange. Sie trinken ein paar Gläser Wein und fangen schließlich an, sich zu küssen. Beide ziehen sich aus, doch Kilian wird das Gefühl der Unsicherheit nicht los. Während die beiden miteinander schlafen, merkt Kilian auf einmal sehr deutlich, dass er sich unwohl fühlt und ihn die Situation nicht mehr erregt. Er ist blockiert. Da Kilian beim Sex in der Regel ein eher ruhiger Typ ist und sich weiter so bewegt wie zuvor, fällt Sammy nicht sofort auf, dass Kilians Stimmung sich verändert hat. Kilian selbst braucht eine Weile, um herauszufinden was los ist und was er gerade will. Als er sich schließlich körperlich entzieht und sagt “Hey, sorry, aber ich kann gerade nicht”, ist Sammy vor allem erstaunt und besorgt. Er hat nicht gemerkt, dass irgendetwas anders ist als sonst. Daher fühlt er sich schuldig und möchte wissen, was passiert ist. Es fällt Kilian schwer, sein Gefühl in Worte zu fassen; er fühlt sich gescheitert und an schmerzhafte Situationen erinnert. Sammy begreift, dass die Situation bei Kilian etwas ausgelöst hat und nimmt ihn in den Arm. Die beiden ziehen sich an und gehen ein Eis essen. Sie treffen sich noch ein paar Mal und werden schließlich gute Freunde.

Negativ-Beispiel:

Maruschka und Toni sitzen nebeneinander in einer Bar. Sie flirtet offensiv mit ihm. Er kommt ihr schnell näher, hält sein Gesicht kurz vor ihres und greift ihr unvermittelt an den Po. Sie schiebt seine Hand weg und möchte wütend wissen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Toni hat überhaupt keine Ahnung, was ihr Problem ist. Schließlich hatte sie ein enges Kleid an und hätte ihn ja auch “immer so angesehen”.

8. Was man ein bis tausend mal mochte, kann man auf einmal kacke finden.
Unsere Bedürfnisse ändern sich nicht nur während des Sex, sie ändern sich auch mit jeder Begegnung, oder mit den Jahren. Manchmal findet man eine gewisse Art der Berührung oder eine gewisse Praxis immer wieder toll und auf einmal geht sie einem auf die Nerven. Manchmal dauert es auch eine Weile, bis man selbst merkt, dass sich die sexuellen Grenzen und Bedürfnisse geändert haben. Aber wenn es so ist, tut man gut daran, das zu kommunizieren. Und niemand hat Anspruch auf irgendetwas, nur weil man irgendwann früher mal Lust darauf hatte.

Negativ-Beispiel:

Selma kennt Elliot schon länger von Parties und hatte mit ihm ab und an Quickies auf Club-Toiletten oder leidenschaftlichen Sex nach durchtanzten Nächten. Heute treffen sie sich zum ersten Mal bei ihr zu Hause. Sie hat guten Wein gekauft, Musik aufgelegt und schönes Licht angemacht. Nachdem sie ihm die Tür geöffnet hat, küsst Elliot sie stürmisch und beginnt sofort an ihrem Kleid herumzuziehen. “Wie geht das auf?”, fragt er sie. Selma ist noch überhaupt nicht im Modus für Sex und fühlt sich übergangen. Sie empfindet seine fordernde Art als übergriffig und unsensibel. Sanft drückt sie ihn von ihr weg und sagt “Hey. Langsam.”. “Jetzt auf einmal?”, grinst er und zieht sie sofort wieder an sich heran. Als sie merkt, dass er nicht bereit ist, einen Gang runterzuschalten, wird sie wütend. Sie bittet ihn zu gehen. Auf dem Heimweg schreibt Elliot seinem Kumpel: “Keine Ahnung, was mit der los war. Sonst hatte sie sich auch nicht so. Soll einer mal die Frauen verstehen”

9. Nonverbaler Konsens gilt auch. Aber er ist schwieriger zu erreichen, als die meisten Menschen denken.
Die meisten Menschen haben irgendwo dieses Phantasma im Kopf, dass guter Sex immer wortlos und rauschhaft ist und die einzig legitimen Worte beim dirty talk fallen. Kleiner Spoiler vorweg: Sex muss nicht so ablaufen. Sex, bei dem richtig viel verbal kommuniziert wird, kann sogar ziemlich gut sein. Wer trotzdem lieber nicht redet: Das ist okay. Aber es erfordert mehr Einfühlungsvermögen, Empathie und Verständnis des Gegenübers, als viele Menschen denken. Übrigens: Ein enthusiastisches “Ja” kann sich natürlich körperlich ausdrücken. Ein stürmischer Kuss ist ziemlich sicher ein „Ja“ zum küssen. Der geküssten Person ist das aber zu viel und sie weiß gerade nicht wie sie das kommunizieren soll? Das Problem: Anders als ein “Ja” drückt sich ein “Nein” nicht immer eindeutig körperlich aus. Es liegt natürlich in der Verantwortung jedes Einzelnen, den Anderen merken zu lassen, wenn etwas keinen Spaß (mehr) macht. Weil genau das aber vielen Menschen nicht leicht fällt, ist es besonders wichtig, feinfühlig zu sein. Wenn ihr nicht sicher seid ob die andere Person noch Lust hat, gilt wie immer: Fragt nach.

Konsens-Story:

Jimmy und Megan begegnen sich auf der Tanzfläche eines Technoclubs. Beide sind in euphorischer Stimmung, tanzen, werfen einander Blicke zu. Sie lächeln und genießen es so offen Lust zeigen zu können und begehrt zu werden. Noch bevor sie den Namen des Anderen wissen, küssen sie sich. Sie sprechen nicht. Es ist laut um sie herum. Sie tanzen eng, sehen einander an und steigern die Intensität ihrer Berührungen gemeinsam – sie tasten sich vor, achten darauf, welche körperlichen Signale der Andere sendet. Sie beschließen, gemeinsam zu gehen. Während sie jedoch gemeinsam im Taxi sitzen, in der Kälte stehen, während er seinen Schlüssel sucht und schließlich mit der Stille seines Zimmers konfrontiert sind, ändert sich die Stimmung. Es läuft nicht mehr alles wie von alleine. Beide versuchen unbeholfen durch Witzeleien die Stimmung wieder herzustellen, doch die Chemie aus dem Club ist weg. Als sie sich küssen, fühlen sie sich ungelenk und kommen nicht mehr zueinander. Sie beschließen, einfach ins Bett zu gehen und schlafen Arm in Arm ein. Am nächsten Morgen wachen sie auf, die Sonne scheint und müde finden ihre Hände den Körper des Anderen. Beide spüren, dass sie selbst und der andere schnell sehr erregt sind. Sie sprechen nicht und haben Sex. Beide merken durch die Körpersprache und das Stöhnen des Anderen, dass sie gemeinsam Lust empfinden. Als Jimmy auf einmal ein bisschen abwesend wirkt, fragt Megan ihn, ob alles okay ist. Er lächelt und sagt “Ja, es ist super schön. Ich bin nur noch ein bisschen müde.”

10. Konsens muss auf informierten Entscheidungen beruhen.
Auch das enthusiastischst geäußerte „Ja“ gilt als “Nein”, wenn es nicht auf einer informierten Entscheidung beruht. Als informierte Entscheidung kann die einer erwachsenen Person gelten, die psychisch und physisch in der Lage ist Zustimmung zu signalisieren. Nicht zur informierten Entscheidung fähig sind Kinder, stark berauschte Personen und Schlafende. Als nüchterne Person auszunutzen, dass jemand stockbesoffen oder voll auf MDMA ist, ist kein Konsens. Das bedeutet nicht, dass es grundsätzlich übergriffig ist, mit einer berauschten Person Sex zu haben – gerade, wenn beide berauscht sind, wird’s knifflig. Es bedeutet aber, dass in solchen Situationen besondere Sensibilität gefragt ist und im Zweifel auf sexuelle Handlungen verzichtet werden sollte.

Konsens-Story:

Josi und Lan haben seit vier Jahren eine Beziehung. Alle paar Monate nehmen sie sich einen Abend zu zweit, legen ihre Lieblingsplatten auf, trinken ein Glas Wein und konsumieren gemeinsam Ecstacy oder LSD. Sie sind über die Risiken und Safer Use aufgeklärt. Manchmal haben sie im Rausch Sex. Wenn eine der beiden merkt, dass die Andere stärker berauscht ist als sie selbst oder auf einem komischen Trip ist, unterstützt sie sie emotional. Durch ihre Erfahrungen mit der Droge können sie relativ gut einschätzen, ob beide auf dem selben Level sind. Für beide ist es dennoch wichtig, sich einige Tage nach dem gemeinsamen Konsum und dem Sex nochmal über ihre Erfahrungen auszutauschen.

Negativ-Beispiel:

Es ist fünf Uhr nachts. Ullrich sieht durchs Fenster der Tram, dass Leonie wankend von der Bank der Haltestelle aufsteht. Einigermaßen zielstrebig steigt sie ein, setzt sich in einen Vierer und streckt die Beine aus. Sie hat Kopfhörer auf, lächelt und nickt im Takt zur Musik, als sei sie gerade erst aus dem Club gestolpert. Offensichtlich ist sie hackedicht. Ullrich denkt sich: “Na klasse! Die ist gut drauf und sieht nicht mehr sonderlich wählerisch aus. Ich geh mal zu ihr und frag sie einfach mal, ob ich sie nach Hause begleiten soll.”

11. Ein Machtgefälle wirkt sich auf die Fähigkeit zum Konsens aus.
Grundsätzlich gilt besondere Vorsicht, wenn ein Machtgefälle zwischen zwei Personen besteht. Es gibt Fälle, in denen grundsätzlich kein informierter Konsens bestehen kann, etwa wenn eine Person ein Kind ist, schläft oder weder zu einem „Nein“, noch zu einem klaren „Ja“ in der Lage ist. Doch natürlich gibt es noch sehr viele andere Formen des Machtgefälles. Beispielsweise gibt es ein Machtgefälle zwischen Vorgesetzten und Angestellten, zwischen Lehrpersonen und SchülerInnen, zwischen Ärzt*innen und Patient*innen, zwischen psychisch starken und labilen Menschen, zwischen sehr dominanten und sehr schüchternen Menschen. Die Liste ließe sich endlos weiterführen.
In einigen dieser Fälle gebieten die Regeln des Berufsstandes sexuelle Annäherungen. Das gilt zum Beispiel bei Lehrpersonen und Schüler*innen/Studierenden oder bei Ärzt*innen und Patient*innen. Schwierig wird es zum Beispiel, wenn ein sexuelles Verhältnis zwischen vorgesetzter und angestellter Person besteht: Wenn beide offen über ihre jeweiligen Motive (egal ob einfach nur Sex, Ansehen oder ein Aufstieg) sind, kann man von einer informierten Entscheidung sprechen. Das bedeutet dann zumindest, dass nicht automatisch eine Grenze überschritten wurde. Wenn die beruflich oder sozial höhergestellte Person jedoch ausnutzt, dass die unterlegene Person in einer Zwangslage ist, indem Person A etwa mit Kündigung droht oder ausnutzt, dass die andere Person dringend Geld braucht, ist das eine Nötigung. Es gibt also keine einheitlichen Regeln über Sex zwischen Personen, bei denen ein Machtgefälle besteht, zumal Machtverhältnisse extrem divers und in allen Bereichen der Gesellschaft präsent sind. Situationen dieser Art erfordern nur ein besonderes Maß der Auseinandersetzung.

Konsens-Story:

Femke ist Sexarbeiterin. Jo ist finanziell erfolgreicher Geschäftsmann, der gerne zu Sexarbeiterinnen geht. Die beiden haben Sex, nachdem sie sich über den Preis, die Dauer, die Praktiken und die Art des Verkehrs geeinigt haben. Am Ende bedanken sich beide beieinander und umarmen sich. Er kommt trotzdem nicht auf die Idee, sie um “private” Dates zu bitten, weil sie sich schließlich gut verstanden hätten. Denn er respektiert ihren Beruf, so wie sie den seinen respektiert.

Negativ-Beispiel:

Frau Semann ist als Teamleiterin in einer Firma tätig. Herr Peters ist ein junger und ehrgeiziger Angestellter, der ihr als Teil ihres Teams zu arbeitet. Herr Peters findet Frau Semann einigermaßen attraktiv, noch attraktiver jedoch ist für ihn die Möglichkeit, innerhalb der Firma aufzusteigen. Er merkt, dass sie sexuelles Interesse an ihm hat und beschließt eines Tages, sich ihr anzunähern. Sie geht darauf bereitwillig ein und sie haben Sex in ihrem Büro, der von beiden genossen wird. Unmittelbar nach dem Sex fragt er sie unsubtil, ob sie ihm eine gute Bewertung schreiben möchte. Frau Semann war davor nicht in den Sinn gekommen, dass er sie mit diesem Hintergedanken verführt haben könnte. Sie fühlt sich instrumentalisiert, ist gekränkt und verweigert ihm die Bewertung. Er ist daraufhin seinerseits wütend, weil er dachte, dass eine Art Deal zwischen beiden bestünden hätte und sie ihren Teil der Abmachung nicht erfüllt habe. Am Ende ist eine Mediation notwendig, Herr Peters klagt wegen sexueller Belästigung und Frau Semann muss die Firma verlassen.

Negativ-Beispiel:

Anton ist einer der beliebtesten Jungs der Schule, Sonja hingegen gilt schon immer als Nerd. Seit der siebten Klasse war Anton immer gern dabei, wenn es darum ging sie aufgrund ihres Gewichts, ihrer uncoolen Klamotten und ihrer Schüchternheit zu mobben. In der zehnten Klasse hat er plötzlich das Bedürfnis, herauszufinden, wie weit er gehen kann. Er schreibt ihr auf Whatsapp eine Nachricht und beginnt ihr Komplimente zu machen. Sie ist misstrauisch, doch fühlt sich auch geehrt. Als er sie um ein Foto ihrer Brüste bittet, zögert sie zunächst, er verspricht ihr jedoch es für sich zu behalten und schreibt ihr wiederholt wie schön und sexy sie sei. Sie gibt schließlich nach und schickt ihm ein Foto. Sie erregt die Situation, weil sie sich nie zuvor begehrt gefühlt hat. Ihn erregt die Situation, weil sie ihm seine eigene Macht vor Augen führt. Drei Tage später kursiert das Bild in der ganzen Schule.

12. Nein sagen muss man lernen.
Viele Debatten über Grenzverletzungen werden vorschnell mit dem Totschlagargument beendet, die Betroffenen hätte doch schließlich „einfach Nein sagen können“. Es wäre klasse, würden wir in einer Welt leben, in der das so einfach wäre. Ist es aber nicht. Fast jeder Mensch kennt die Angst vor Zurückweisung, Verurteilung oder sogar Aggression, wenn man „Nein“ sagt. Vielen Menschen wurde auch bereits als Kind eingetrichtert, anderen ihre Wünsche zu erfüllen und dabei eigene Grenzen zu missachten. Jede*r, der schon einmal dazu gedrängelt wurde den komischen Onkel gegen den eigenen Willen zu umarmen, vom Freund der Eltern ungefragt auf den Arm genommen zu werden oder der miefigen Tante ein Bussi zu geben, kennt das Gefühl. Frauen lernen häufig schon früh, dass ein einfaches „Nein“ humorlos, frigide, zickig oder unangemessen ist. Wenn die Erfahrung gemacht wurde, dass ein geäußertes „Nein“ übergangen wurde, führt dies in manchen Fällen dazu, dass in der nächsten übergriffigen Situation kein “Nein” mehr geäußert wird. Nicht zuletzt, um den Akt der offenen Grenzverletzung damit zu umgehen.
Heruntergebrochen: Es gibt viele mehr oder weniger schwerwiegende Gründe, aus denen ein „Nein“ nicht einfach über die Lippen geht. Und immerhin leben wir alle in einer Gesellschaft, in der Magazinartikel á la „Die 10 beliebtesten Sex-Ausreden“ keinen besonderen Skandal auslösen. Das bedeutet erstens, dass wir alle lernen sollten öfter mal „Nein“ zu sagen, ohne uns sofort zu erklären oder zu entschuldigen. Dass ein „Ich hab gerade keine Lust“ völlig ausreicht und keine weitere Erklärung oder sogar Ausrede erforderlich macht. Und zweitens, dass wir alle im Kopf behalten sollten, dass ein „Nein“ bei jemand anderem auch dann bestehen kann, wenn er*sie es nicht so direkt ausspricht. Vielleicht kann er*sie das mit dem “Nein” sagen einfach (noch) nicht so gut.

Negativ-Beispiel/ Konsens-Story:

Lina und Jakoub gehen auf die gleiche Schule. Jakoub ist ein bisschen älter als sie und sie steht schon eine Weile ein bisschen auf ihn. Irgendwann kommen sie auf einer Home-Party ins Gespräch und trinken ein paar Shots zusammen. Sie ist relativ schnell angetrunken. Er zieht sie in ein ruhiges Zimmer, die beiden fangen an zu knutschen. Sie ist aufgeregt, weil sie schon länger in ihn verknallt ist und bisher nur wenige sexuelle Erfahrungen hat. Das Knutschen mit ihm macht ihr Spaß. Er versucht jedoch nach ein paar Minuten, ihren Kopf runterzudrücken. Sie hält anfangs noch dagegen, doch er macht einfach weiter. Sie ist verwirrt, weil sie keine Erfahrungen mit solchen Situationen hat und von einer Vielzahl gemischter Gefühle überwältigt wird: Aufregung, Ekel, Unsicherheit, Erregung. Irgendwann gibt sie nach, weil sie nicht begreift, was da passiert ist. Da sie denkt, Sex würde eben so funktionieren, wiederholt sich die Situation in den nächsten Wochen mit ihm immer wieder. Lina verliebt sich sogar in Jakoub. Erst nach drei Jahren begreift sie, dass sein Verhalten übergriffig war und dass sie sich deswegen immer noch schlecht fühlt. Sie beschäftigt sich in langen Gesprächen mit FreundInnen und einer Therapeutin, sowie durch die Lektüre verschiedener Texte mit Konsens und Grenzverletzungen. Aufgrund ihrer frühen Erfahrungen mit Jakoub macht ihr aktiver Oralverkehr noch viele Jahre keinen Spaß. Erst mit der Zeit wird sie selbstbewusster und sensibler im Umgang mit ihren eigenen Grenzen. Wenn sie um Oralverkehr gebeten wird, sagt sie in der Regel einfach “Du, das mag ich nicht so.” Und wenn ein Typ mal Linas Kopf runterdrückt, weiß sie, dass er ein Arschloch ist und lässt ihn stehen.

13. Von einem “Nein” nicht verunsichert zu werden, muss man ebenfalls lernen.
Entsprechend gilt auch: Es besteht eigentlich überhaupt kein Grund dazu gekränkt zu sein, wenn jemand einfach „Nein“ sagt. Ihr habt Lust auf Knutschen, doch die Person sagt „Nein“? Ihr habt Lust für noch einen „Kaffee“ mit nach oben zu kommen, doch die Person sagt: „Wir sehen uns dann“, und schließt die Tür vor eurer Nase? Ihr fasst beim Sex ihre Brust an, aber sie schiebt eure Hand weg? Ihr küsst sie und sie sagt euch: „Aber bitte fass meinen Po nicht an, bitte, danke.“? Alright! Tut es einfach nicht und freut euch, dass ihr jemanden gefunden hat, der so klar kommunizieren kann! Übrigens: Je klarer eine Person ein „Nein“ kommunizieren kann, desto sicherer könnt ihr euch auch sein, dass ihr ein eventuelles „Ja” zu etwas anderem nicht falsch versteht. Ihr hört von der Person eures Begehrens nur „Nein“ und überhaupt kein „Ja“? Auch nicht so schlimm. Sie steht einfach nicht so auf euch. Zurückweisung kennt Jede*r.

Konsens-Story:

“Darf ich dich vielleicht mal fesseln?”
“Nö.”
“Okay cool!”

Negativ-Beispiel:

Svenja und Matteo sind ein Paar. Eines Tages liest sie auf einem Blog, dass die meisten Männer heimlich darauf stehen würden beim Orgasmus einen Finger in den Po gesteckt zu bekommen. Als die beiden das nächste Mal miteinander schlafen, beschließt Svenja, das mit dem Finger und dem Po einfach mal auszuprobieren. Matteo ist schockiert und reagiert wütend. Der Sex ist sofort vorbei, er zieht sich zurück. Svenja hat dafür kein Verständnis, und nölt ihn an: “Mann ey! Du kannst ruhig auch mal offen für was Neues sein!”

14. “Nein” sagen zu können bereichert das Sexleben.
Grenzüberschreitungen finden nicht erst statt, wenn man von sexuellen Übergriffen spricht. Die kleineren davon kennt vermutlich fast jede*r: Wenn der Typ, mit dem man redet, ein Lächeln plötzlich als Aufforderung zum Anfassen versteht. Wenn ihr von einer besonders stürmischen Club-Liebschaft gegen die Wand gedrückt werdet, obwohl euch spielerisches Knutschen auf der Tanzfläche gereicht hätte. Wenn sich die neue Affäre plötzlich dem Anus widmet, was nun wirklich überhaupt nicht euer Ding ist. Viele von uns lassen Momente, in denen man sich mehr oder weniger unwohl fühlt, viel zu oft einfach geschehen, um keine unangenehme Situation entstehen zu lassen. Dies bedeutet aber auch, auf Sexualität und Zärtlichkeit, die wirklich den eigenen Bedürfnissen entspricht, in gewisser Weise zu verzichten. Klar kommunizieren zu können, bedeutet zu wissen, was man überhaupt mag – und was nicht. Und es bedeutet, Sex zu haben, der wirklich Spaß macht. „Nein“ sagen zu lernen ist die beste Voraussetzung, um auch wirklich „Ja“ sagen zu können.

Konsens-Story:

Jamila hat gern Sex mit wechselnden Sexualpartner und -partnerinnen. Dass sie beim Sex mit Männern nicht kommt, findet sie eigentlich gar nicht so schlimm. Sie genießt dafür die Berührungen, die Nähe, die Spannung, das Spiel. Einige Männer sehen es als Herausforderung an, Jamila zum Kommen zu bewegen. Insgeheim gehen sie davon aus, dass Jamila bisher einfach noch keinen richtig guten Liebhaber hatte. Viele versuchen es, indem sie sie lecken. Jamila findet lecken nicht sonderlich spannend. Sie weiß, dass alle ihre Freundinnen darauf abfahren und dass alle ihre Liebhaberinnen sich darüber freuen, aber sie selbst wird damit nicht warm. Weil sie denkt, dass auch sie Lecken eigentlich mögen sollte, vergehen ein paar Jahre, bis sie feststellt, dass es ihr keinen Spaß macht – egal, wie geschickt ihr Partner darin auch sein mag. Irgendwann gewöhnt sie sich an, Männern einfach zu sagen: “Pass mal auf, ich komme beim Sex nicht und ich komme erst recht nicht, wenn du es versuchst, indem du mich leckst, ok?” Es entspannt sie ungemein, dass sie fortan nicht mehr ständig den Druck spürt, ihren männlichen Geschlechtspartnern ein Triumphgefühl bescheren zu müssen. Und sie stellt fest: Klare Kommunikation macht Spaß und sie bietet Raum fürs “Ja” sagen. Während sie sich in jungen Jahren kaum traute, darüber zu sprechen, was sie erregt, schafft sie es nun viel eher, Dinge zu sagen wie: “Kuck mal, so mache ich es mir selbst. Willst du es nicht auch mal probieren?”

15. Man schuldet niemandem Sex. Niemals.
Durch die Magazine, Kommentarspalten und billigen Zeitungen geistert ein Gespenst. Es ist das Gespenst der „ehelichen Pflicht“. Im letzten Jahr löste ein Mann einen Shitstorm aus, der über einen längeren Zeitraum Tagebuch über die „Ausreden“ geführt hatte, die seine Frau verwendet haben soll, um Sex mit ihm zu „umgehen“. Die Vorstellung, nach der (Ehe-)partner einander Sex schulden, mag völlig irre klingen, ist aber auch in den meisten westlichen Gesellschaften kulturell tief verankert. In Deutschland ist Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 eine Straftat, in manchen Staaten der USA seit 1993. Trumps Anwalt Michael Cohen benannte Vergewaltigung in der Ehe noch 2015 als „per Definition“ unmöglich – eine Äußerung, für die er sich erst nach viel öffentlichem Druck entschuldigte.
Fakt ist aber: Eine Beziehung verpflichtet nicht zu Sex. Eine Ehe verpflichtet nicht zu Sex. Nichts verpflichtet jemals irgendjemanden zu Sex. Wenn in einer Beziehung oder einer Ehe einer der Partner darunter leidet, keinen Sex zu “bekommen”, kann über Mittel und Wege gesprochen werden, als Paar damit umzugehen. “Überwinde dich halt” darf aber niemals Teil der Lösung sein.

Konsens-Story:

Kevin und Leyla sind seit vielen Jahren ein Paar. Mit den Jahren hatte Leyla immer weniger Lust darauf, mit Kevin zu schlafen. Darunter leiden beide, es ändert jedoch nichts daran, dass sie und Kevin eine liebevolle und stabile Beziehung führen, an der beide festhalten möchten. Kevin akzeptiert Leylas Grenzen selbstverständlich, weiß jedoch, dass er nicht dauerhaft auf Sex verzichten kann. Auch Leyla schmerzt es zu sehen, dass er darunter leidet. Sie macht sich selbst Vorwürfe, obwohl Kevin ihr vermittelt, ihr keinerlei Vorwurf zu machen. Weil beide die Situation als immer belastender wahrnehmen, führen sie viele lange Gespräche und entschließen sich schließlich dazu, ihre Beziehung sexuell zu öffnen. Kevin beginnt nach einer gewissen Weile, sexuelle Erfahrungen mit anderen Frauen zu machen, und Leyla ist damit erstaunlich zufrieden und entlastet. Eines Tages begegnet Leyla einem alten Freund, in den sie vor Jahren verliebt war. Die beiden verbringen ein paar schöne Abende miteinander, irgendwann kommt es zu Zärtlichkeiten und sexuellen Annäherungen. Leyla merkt mit der Zeit, dass ihre Sexualität nicht verloren ist, sondern sich nur verändert hat. Wodurch sie sich schließlich Kevin sexuell wieder annähert, nur eben anders.

Negativ-Beispiel:

Charlie und Mona sind seit vielen Jahren ein Paar. Irgendwann verliert Charlie aufgrund einer depressiven Episode die Lust am Sex. Mona aber nicht. Fast jeden Abend versucht sie ihn zum Sex zu bringen. Wenn er ihr mitteilt, dass er keine Lust hat, macht sie sich über ihn lustig oder wird quengelig.

Negativ-Beispiel:

1997 wird im deutschen Bundestag über die Abschaffung des Paragraphens abgestimmt, nachdem Vergewaltigung in der Ehe nicht als solche strafbar ist. Seehofer und Merz stimmen dagegen. Von 137 Gegenstimmen stammen 130 von Männern.

16. Man schuldet niemandem eine bestimmte sexuelle Handlung, auch nicht beim Sex.
Nehmen wir an, Person A vollzieht Oralverkehr an Person B. Danach sagt Person A: „Jetzt bin ich dran.“ Falsch gedacht. Niemand ist beim Sex zu irgendeiner Handlung verpflichtet, auch nicht dann, wenn die andere Person Vergleichbares getan hat. Beim Sex gilt nämlich: Persönliche Grenzen sind unbedingt einzuhalten. Auch, wenn eine*r der Beteiligten jammert, sich benachteiligt zu fühlen. Grenzen sind keine Verhandlungssache.

Konsens-Story:

Jenya mag es ganz gerne geleckt zu werden, aber es ist einfach nicht ihr Ding, Penisse in den Mund zu nehmen. In einer Frauen-Zeitschrift im Wartezimmer liest sie: “Du genießt es, wenn dein Freund “da unten” alles gibt? Dann solltest du auch selber nicht Blowjob-abstinent sein. Tipp: Wenn du von ihm eine tolle Performance erwartest, solltest du dich auch selbst ab und an ein bisschen ins Zeug legen…” Sie macht ein Foto vom Text und schickt es an ihren Freund, zusammen mit den Worten: “…echt jetzt???” Er antwortet mit einem Facepalm-Emoji. Er fand es schon immer einleuchtend, dass Fenyas mentale Gesundheit wichtiger ist als irgendeines seiner sexuellen Bedürfnisse.

17. Über Konsens sollte man nicht nur während des Sex kommunizieren.
Es ist toll, wenn man gemeinsam gelernt hat, während des Sex so gut zu kommunizieren, dass er allen Spaß macht und beide sich sicher fühlen. Am besten ist es aber, gerade in längerfristigen sexuellen Beziehungen, sich auch außerhalb des Sex auszutauschen. Zum Beispiel über Grenzen, Bedürfnisse oder bestimmte Erinnerungen und Erlebnisse. Manche Personen fühlen sich zum Beispiel durch gewisse Handlungen getriggert, weil sie damit traumatische Erfahrungen verknüpfen. Oder sie haben das Bedürfnis, nochmal über eine gemeinsam erlebte Situation zu sprechen, weil sie erst im Nachhinein festgestellt haben, dass eine Grenze verletzt wurde. Je offener man über Grenzen, aber auch über Fantasien und Bedürfnisse sprechen kann, desto sicherer kann man sich beim Sex fühlen und desto besser lernt man einander und sich selbst kennen.

Konsens-Story:

Uli und Melania sind seit einigen Monaten zusammen und genießen die Leichtigkeit des Frischverliebtseins. Ihr Sex entwickelt sich wie von alleine, beide finden intuitiv heraus, was ihnen gefällt und woran sie gemeinsam Spaß haben. Sie entwickeln gemeinsam sanfte Kink-Spiele, halten einander gern fest und mögen es die Augen verbunden zu bekommen. Eines Tages experimentieren die beiden mit Spanking. Melania genießt es anfangs noch, doch mit einem Mal löst es bei ihr unangenehme Gefühle von Panik aus. Sie unterbricht die Praktik, indem sie Uli küsst und zu etwas anderem übergeht. Sie kann noch nicht in Worte fassen, wie sie sich fühlt. Der Moment ist zunächst schnell vergessen. In den nächsten Tagen denkt sie jedoch oft darüber nach, wieso sie sich so schlecht gefühlt hat. Sie spricht Uli darauf an und erklärt, dass dieser Moment bei ihr Ängste ausgelöst hat, die sie erst noch begreifen muss. Uli reagiert empathisch, ist aber verunsichert und hat Angst, Melania verletzt zu haben. Als sie sich das nächste Mal näher kommen, ist Uli sehr vorsichtig und fühlt sich durch ihre Angst ein wenig blockiert. Die Sexualität der Beiden ist in einer Krise. Sie unterhalten sich wiederholt darüber, wie sie verhindern können einander zu verletzen. Sie stellen fest, dass es nicht möglich ist, emotional völlig sicheren Sex zu haben, da beide ihre Trigger noch nicht kennen. Durch die Auseinandersetzung miteinander wächst jedoch das gegenseitige Vertrauen. Melania merkt, dass sie sich zum ersten Mal in einer Beziehung sehr sicher fühlt. Und hat dadurch die Möglichkeit eine großartige Art der Sexualität zu entwickeln, die sie bislang nicht kannte.

18. Konsens bedeutet, beim Sex mehr zu erleben.
Natürlich kann man auch tollen Sex mit jemandem haben und ausbauen, mit dem man weniger gut kommunizieren kann. Das ist dann ein schöner Zufall und für manche Menschen ist dieser wortlose, blinde Sex berauschend. Der Verzicht auf klare Kommunikation birgt jedoch enorme Risiken, gerade für all die Menschen, die auf eine gewisse Biographie der Grenzüberschreitungen zurückblicken können. Je besser man sich über Grenzen, Fantasien und Wünsche austauschen kann, desto mehr kann man auch gemeinsam aufbauen und entwickeln.
Übrigens: Gekränkte Männerrechtler stellen sich die gemeinsame Kommunikation über Grenzen oft vor wie das Aushandeln eines komplizierten Vertragswerks: Unerotisch und versachlicht. Jeder, der schon einmal in den Genuss einer gelungenen Kommunikation zum Thema Sex gekommen ist, kann darüber nur lachen. Denn gemeinsam herauszufinden, worauf man Lust hat und dabei selbstbewusst über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu sein, kann extrem berauschend sein.

Konsens-Story:

“Gefällt dir das?”
“Oh ja!”
“Und was ist damit?”
“Ja! Ja!”
“Hmmm… und was ist, wenn ich das hier mache?”
“Ähm.. Nein.”
“Okay. Lass uns mal sehen…. Und das?”
“JA!”

19. Nicht alles, was Konsens verletzt, ist eine Vergewaltigung.
Ein weiteres Strohmann-Argument der Konsens-Kritiker lautet, dass schon durch die Forderung nach ständigem und aktivem Konsens jede Grenzüberschreitung gleich zur Vergewaltigung hochstilisiert werde und damit die „echten“ Vergewaltigungen relativiert würden. Nun, natürlich wäre es Unsinn, misslungenen Sex mit einem justiziablen sexuellen Übergriff gleichzusetzen. Das tut aber halt auch niemand. Grenzüberschreitungen finden in einem breiten Kontinuum statt und nicht erst dort, wo ein verbales „Nein“ mit Gewalt übergangen wurde. Sie ereignen sich beim Flirten, beim Küssen, beim Petting, beim Sex. Sie ereignen sich in Arbeitsbeziehungen und Freundschaften. Persönliche Grenzen sind keine ausgedachten moralischen Prinzipien, sondern sie sind eben einfach so, wie sie sind. Wir können nicht völlig verhindern, dass Grenzüberschreitungen passieren, aber wir sollten uns schon trotzdem alle bemühen, empathisch zu sein, Sensibilität zu entwickeln, kein Arschloch zu sein, niemanden auszunutzen, die eigenen Bedürfnisse auch mal hinten anzustellen und keine unangemessenen Forderungen zu stellen. Kommunikation über Konsens soll nämlich nicht nur verhindern, dass Menschen vergewaltigt werden. Konsens soll ganz grundlegend erstmal dafür sorgen, dass wir alle besseren, sicheren und schöneren Sex haben können.
20. Nicht jede Grenzüberschreitung bemerkt man sofort.
Auch jemand, den man liebt und dem man vertraut, kann etwas tun, was im Nachhinein als Grenzverletzung erlebt wird. In solchen Fällen ist es wichtig, das Erlebte anzusprechen. Es gibt Fälle, da kann das sogar ohne Vorwurf geschehen. Etwa, wenn die andere Person guten Grund hatte davon auszugehen, dass ihr*e Partner*in Zustimmung gegeben hat, diese Person aber in der Situation entweder nicht gemerkt hat, dass eine Grenze überschritten wurde. Oder auch, wenn eine Person in diesem Moment nicht wusste, wie sie die Grenze kommunizieren kann. Es gibt keine 100%ige Konsens-Garantie und es kann in den besten Beziehungen passieren, dass Grenzen verletzt werden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, sich nicht nur über zukünftige, sondern auch über vergangene gemeinsame sexuelle Erlebnisse auszutauschen.
Es gibt aber auch andere Fälle. Fälle, in denen im Nachhinein klar wird, dass kein ausreichender Konsens bestand oder eine Situation ausgenutzt wurde. Manchmal sind psychische Prozesse langsam, konflikthaft und widersprüchlich und manchmal merkt man erst nach Minuten, Stunden oder auch erst nach Jahren, dass man eine Grenzüberschreitung erlebt hat. Es gibt verschiedene psychische Mechanismen, die dafür sorgen, dass wir Situationen nicht immer in Echtzeit begreifen und entsprechend kommunizieren können. Dies gilt zum Beispiel dann, wenn gewisse Machtverhältnisse zwischen den Beteiligten bestehen. Wenn ein solcher Übergriff stattgefunden hat und man nicht weiß wie man damit umgehen kann, ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu suchen. Zum Beispiel bei Vertrauten oder auch bei einem Frauennotruf.

Negativ-Beispiel:

Marie und Matthias hatten vor Jahren eine Beziehung. Damals litt sie unter einer Depression, die eine Medikation notwendig machten. Diese hemmten ihre Lust so stark, dass der gemeinsame Sex völlig zum Erliegen kam. Weil Marie sich für die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse von Matthias verantwortlich fühlte, litt sie unter Schuldgefühlen. Fast täglich merkte sie, dass er erregt war und wenn er sie küsste und streichelte, versuchte sie nach Kräften, Lust zu entwickeln. In aller Regel schaffte sie es nicht, wodurch der Druck wuchs und der Sex schmerzhaft und frustrierend war. Manchmal musste sie währenddessen abbrechen, weil sie sich so leer und ängstlich fühlte, dass sie nicht weiter wusste. Obwohl deutlich sichtbar war, dass sie keine Freude an sexuellen Handlungen hatte, kam Matthias täglich mit seinen sexuellen Bedürfnissen zu ihr. Als sie sich nach mehreren Jahren trennten, hätte Marie 1000 Gründe dafür nennen können, doch übergriffiges Verhalten war keines davon. In ihrer heutigen Beziehung hat sie nicht mehr mit Libidoverlust zu kämpfen. Trotzdem stellt sie an sich fest, dass sie sich oft starken Druck macht in gewissen Situationen Sex zu “liefern”, und dass sie sich erleichtert und erfolgreich fühlt, wenn sie und ihr Partner “oft genug” Sex haben. Immer wieder gerät sie in den Strudel aus Schuldgefühlen, Ängsten und Druck, den sie damals täglich empfand. Erst in einer Psychotherapie findet sie heraus, dass sie das Verhalten von Matthias im Nachhinein als Übergriff bewertet und mit den Langzeitfolgen der Grenzverletzungen zu kämpfen hat. Sie möchte ihn irgendwann darauf ansprechen. Momentan fühlt sie sich der Auseinandersetzung noch nicht gewachsen.

21. Du stehst auf härteren Sex? Kommuniziere das.
Menschen stehen auf ganz unterschiedliche Arten von Sex. Während die einen gerne ekstatisch bei Kerzenschein kuscheln, stehen andere auf sanften Kink oder Fesselspiele und wieder andere auf straighten und harten Sex. Das Spektrum ist unendlich groß und viele Menschen können mehreren Spielarten etwas abgewinnen. Gerade dann, wenn man es härter mag, ist aber unerlässlich, das vorher zu kommunizieren und auf die Signale des Gegenübers zu achten. Es gilt: Wer überfordert ist, ist häufig nicht in der Lage, rechtzeitig Grenzen zu setzen. Bei härteren Spielarten bis hin zum BDSM ist es also unerlässlich, klare Absprachen getroffen zu haben, bevor es losgeht. In der BDSM-Szene sind Prinzipien des Konsens übrigens ohnehin weithin bekannt und werden mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert. Problematisch wird es gerade dann, wenn Menschen sich über ihre Neigung zum BDSM noch nicht im Klaren sind und entsprechend keinen aufgeklärten Konsens praktizieren. In solchen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass eine der beteiligten Personen ein gewisses Verhalten als übergriffig erlebt. Es ist also wichtig, sich über die eigenen Vorlieben im Klaren zu sein und sich damit auseinanderzusetzen, wie sie auf die andere Person wirken können. Und es gilt grundsätzlich: Wenn man andere an gewisse Praxen heranführt, ist besonders engmaschige Kommunikation gefragt.

Konsens-Story:

Tamo lernt Lena kennen. Lena ist erfahren in BDSM und Bondage, Tamo hat damit noch nicht viel zu tun gehabt. Als sie zum ersten mal miteinander intim werden, haben sie einvernehmlich ruhigen Sex. Er fragt sie irgendwann, was sie eigentlich genau praktiziert und stellt viele Fragen. Lena beantwortet alles, was er wissen möchte. Tamo fragt sie irgendwann, ob sie Lust hat ihn in einer Session an BDSM heranzuführen. Lena ist eigentlich Dom, fühlt sich aber mit Tamo nicht sicher in dieser Rolle, weil sie nicht sicher ist, ob er Grenzen wirklich gut kommunizieren kann und weil seine Unsicherheit sie verunsichert. Weil ihr die Verantwortung ihn heranzuführen, gerade noch zu groß ist, schlägt sie vor, die Affäre noch eine Weile laufen zu lassen und sich langsam heranzutasten.

Negativ-Beispiel:

Lilja und Tjark haben eine leidenschaftliche Affäre. Tjark ist etwas älter und erfahrener, und genießt, wie sehr Lilja sich ihm hingeben kann. Die beiden haben experimentellen Sex, erzählen sich gerne Fantasien, mögen Fesselspiele, Augen verbinden und Knebeln, und sie liebt es, wenn er sie mit neuen Praktiken überrascht. Lilja hat sich nie besonders viele Gedanken über BDSM, Konsens und Sicherheit gemacht, beide haben sich zu keinem Zeitpunkt über Grenzen unterhalten. Der Zufall will es so, dass Tjark lange Zeit keine ihrer Grenzen überschreitet. Sie gibt sich dem Kontrollverlust hin und genießt in vollen Zügen die Fantasie und Lust, die er in ihr auslöst. Eines Tages verbindet Tjark Liljas Augen. Er hat von einer Spielart gelesen, die er unbedingt ausprobieren möchte. Er führt die Praktik ungefragt und falsch aus und bereitet ihr einen stechenden Schmerz. Lilja schreit erschrocken auf und wird wütend. Tjark lächelt sie an und bietet ihr an, ihn zu schlagen – weil es ihn erregt. Der Moment verletzt und befremdet Lilja und zerstört das blinde Vertrauen in die gemeinsamen Spiele. Sie beendet die Affäre kurz darauf. Sie leidet unter dem Geschehenen und macht sich selbst lange Zeit Vorwürfe, nicht früher Stop gesagt zu haben, nicht aufgeklärter an die Sache herangegangen zu sein, sich so offen dargeboten zu haben. Erst Jahre später fängt sie an, sich über BDSM zu informieren und merkt, dass sein Verhalten schlichtweg übergriffig war. Tjark hingegen findet irgendwann wieder eine junge Frau, die nichts von BDSM versteht und beschließt, einfach mal herauszufinden, wie weit er gehen kann.

22. Frag dein Gegenüber doch mal, wie es sein Geschlechtsteil nennt.
Den meisten Menschen dürfte nicht entgangen sein, dass es immernoch kein allgemein anerkanntes, weder total obszönes noch super medizinisches Wort für das weibliche Geschlecht gibt. Die meisten Menschen fühlen sich mit fast jedem Wort aus der Reihe “Muschi, Pussy, Möse, V****, Scheide, da unten” unwohl. Das liegt wohl weniger an den Worten selbst, als daran, dass unsere Gesellschaft generell ein Problem damit hat, weibliche Lust und Körperlichkeit zu begreifen und zu benennen. Trotzdem hat jeder Mensch irgendwann ein Wort gefunden, mit dem er seine Geschlechtsteilt am liebsten benennt. Das bedeutet im Kontext Sex: Irgendein anderes als das eigene Lieblingswort aus dem Mund einer anderen Person zu hören, kann ganz schön unangenehm berühren. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen mit einer Vulva/Vagina: Auch nicht jeder Penisbesitzer wird gleichermaßen erfreut darüber sein, aus dem Mund einer anderen Person das Wort “Schwanz” oder “Pimmel” zu hören.
Tip: Wenn ihr noch nicht so erfahren im kommunizieren seid und nicht unbedingt fragen wollt “Hey sag mal, wie nennst du eigentlich dein Genital?”, vermeidet das Wort erstmal beim Sex – aber benutzt auch keine biederen Umschreibungen wie “da unten”. Dabei gilt aber: Ein Gespräch darüber die Benennungen zu beginnen, die auf Genitalien zutreffen oder nicht zutreffen, ist weder peinlich, noch muss es euch unangenehm sein. So ein Gespräch kann auch außerhalb sexueller Aktivitäten geführt werden, wenn ihr euch nah genug seid. Die Frage “Ich hoffe es ist okay, wenn ich das frage, aber: Hast du ein Wort, mit dem du dein Genital am liebsten benennst?” sollte zwischen Partnern im richtigen Moment weniger verstörend sein als ein “Ich liebe dein Schmuckkästchen”.

Negativ-Beispiel:
Juno hat Petting mit Samira, die er erst seit kurzem kennt. Er merkt, dass sie ganz wie er selbst auf Dirty Talk steht. Er flüstert ihr ins Ohr: “Deine Möse fühlt sich gut an…”. Samira hat sich mit den Jahren an das Wort “Muschi” im Sexkontext, bz. Vagina/Vulva im Alltagskontext festgelegt. “Möse” findet sie aufgrund ihrer Sozialisierung unpassend und sogar ziemlich obszön und fühlt sich davon abgewertet. Dieses Wort, mit dem sie sich nicht im geringsten identifiziert, aus seinem Mund zu hören, befremdet sie. So sehr, dass sie ein bisschen sauer wird, und auch die Lust auf Sex verliert.

23. Fehler können passieren. Aber wenn jemand keine Bereitschaft zeigt, sie einzugestehen, ist er*sie es wahrscheinlich nicht wert.
Wie wir gesehen haben, gibt es sehr verschiedene Situationen, in denen die Kommunikation über Konsens scheitern kann. Viele davon ereignen sich in ganz normalen Beziehungen und Affären, besonders unter jungen und unerfahrenen Menschen. Konsens kann zum Beispiel daran scheitern, dass eine Person nicht weiß, wie sie Grenzen kommunizieren kann. Oder nicht weiß, welche Grenzen sie eigentlich hat, weil sie denkt, sie wäre beim Sex oder in einer Beziehung zu irgendetwas verpflichtet. Missverständnisse und Grenzverletzungen können entstehen, wenn Partner*innen sozial und emotional unerfahren sind. Wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei der Grenzverletzung wirklich um ein Missverständnis und nicht um vorsätzlich missbräuchliches Verhalten gehandelt hat, muss man darüber sprechen. In dem Fall zählt dann vor allem, was die Person, die die Grenzverletzung erlitten hat, fühlt, und was sie erwartet. Hier gilt: Über Bedürfnisse und Grenzen wird nicht diskutiert, denn die sind wie sie sind! Wenn die Person, die den Übergriff zu verantworten hat, uneinsichtig ist oder die betroffene Person nicht ernst nimmt, ist das nicht in Ordnung. Ebenfalls unakzeptabel ist es, wenn sie eigenes Fehlverhalten in der Verantwortung der anderen Person sieht. Wenn die Person sich wiederholt übergriffig verhält, ist es für die betroffene Person besser, sich von der Person fernzuhalten, um sich selbst zu schützen. In solchen Fällen ist es wichtig, sich engen FreundInnen anzuvertrauen und professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen, zum Beispiel durch Therapien oder den Frauennotruf. Zuletzt: die betroffene Person ist in jedem Fall die letzte, die Verantwortung dafür trägt, dass der übergriffige Partner oder die Partnerin sich ändert.

 

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