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Interview mit Jiz Lee & Shine Louise Houston – Part 1: Über Konsens beim Porno-Dreh

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“Auch während des Drehs können alle entscheiden, aufzuhören.” – Jiz Lee

Der erste Teil unseres Videointerviews mit Jiz Lee und Shine Louise Houston

Wir haben uns mit der Indieporno-Regisseurin Shine Louise Houston und Darsteller*in Jiz Lee* über Porno unterhalten. Dabei erfuhren wir: Konsens funktioniert bei einem Porno-Dreh genau so wie im echten Leben. Und: der Unterschied zwischen Mainstream- und Alternativ-Pornos ist gar nicht so groß, wie wir dachten.

Jiz Lee and Shine Louise Houston at the Feminist Porn Awards 2014Jiz Lee und Shine Louise Houston bei den Feminist Porn Awards 2014. Quelle: Pink and White Productions

Ist Sex im Mainstreamporno übergriffig?

Ein paar von uns haben wahrscheinlich schon einmal einen Porno gesehen, in dem eine schlafende Person überraschend durch sexuelle Handlungen geweckt wird. Bei einigen Zuschauern werden solche Szenen Lust, bei manchen aber auch Unbehagen erzeugen. Sexuelle Handlungen an Schlafenden sind schließlich nach den Regeln des Konsens tabu – auch im Porno. Richtig?

Jein. Im Vorfeld eines Drehs wird zwischen den Darsteller*innen genau besprochen, was beim Dreh passieren wird – und das können auch Tabu-Fantasien sein. Von “konsensualem Nicht-Konsens” (englisch: consensual non-consent) spricht man, wenn gemeinsam beschlossen wird, eine Phantasie auszuleben, die die Regeln des sexuellen Konsens bricht. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Grenzen und Wünsche aller Beteiligten so gut wie möglich kommuniziert, und natürlich respektiert werden.

“Pornos sind Fantasie, Rollenspiel, Erzählung.” – Shine Louise Houston

Mainstream-Pornos funktionieren im Grunde wie alle anderen fiktionalen Filme: Durch Drehbuch, Schauspiel und filmische Mittel wird eine Fantasiewelt geschaffen. In vielen Pornos ist das eine Welt, in der alle immer Lust auf Sex haben, während auch bei spontanen Abenteuern mit Pizzabotinnen nicht über Safer Sex gesprochen wird. In dieser Welt braucht selten mal jemand beim Sex einen Schluck Wasser oder eine kleine Pause. Reisverschlüsse klemmen nicht und niemand macht komische Geräusche. Verbaler Konsens ist in der Welt des Mainstreamporno nicht völlig ungewöhnlich – ein “Oh yeah, i want this so bad” ist schließlich nichts anderes als eine Zustimmung –, authentische Auseinandersetzungen sind jedoch so rar wie das ungeschickte Gefummel mit Kondomen.

Dass Pornos Fiktion sind, muss nicht heißen, dass jeder Orgasmus gespielt und alles Sperma künstlich ist. Wenn doch, ist das jedoch weder skandalös, noch überraschend.

Pornos werden, so Houston, anders wahrgenommen als andere Arten des narrativen Films: Zuschauer neigen bei Sexfilmen plötzlich dazu, Anspruch auf Realität zu erheben. Und tatsächlich: Man macht Mainstreampornos oft zum Vorwurf, dass Elemente wie etwa Orgasmen gar nicht echt seien. Absurd eigentlich. Denn gleichzeitig würde niemand mokieren, dass Leonardo di Caprio in Titanic nicht wirklich gestorben ist.

“Ein gängiges Klischee über Mainstream-Pornos ist, dass sie gewalttätig sind.” – Jiz Lee

Auch bei Pornos, in denen vermeintlich gewalttätiger Sex gezeigt wird, hat hinter den Kulissen ein Prozess der Konsensfindung stattgefunden. “Manche Darsteller_innen”, so Jiz Lee, “finden Drehs misslungen, bei denen der Sex nicht hart genug ist”. Wer in harten Pornos mitspielt, die von manchen Zuschauern als erniedrigend wahrgenommen werden, tut dies in aller Regel aus freien Stücken, weil er oder sie sich darin sexuell am wohlsten fühlt. Jiz erzählt uns außerdem, dass entgegen des Klischees auch Mainstream-Filmemacher manchmal Drehs abbrechen, wenn sie das Gefühl haben, ein*e Darsteller*in würde sich nicht wohlfühlen. Zumindest auf Seiten der Produktion scheinen sich also Mainstream-Pornos und sogenannte “ethische Pornos” nicht unbedingt grundlegend voneinander zu unterscheiden.

Unterschiede zwischen Mainstream- und Indie-Pornos gibt es natürlich trotzdem.

Die Unterschiede betreffen aber vor allem das fertige Produkt: Während Sex im Mainstream-Porno geradezu magisch vonstatten geht, zieht Shine Louise Houston es in ihren Filmen vor, Sexualität in all ihren Facetten darzustellen. Dies beinhaltet auch die Kommunikation über Konsens. Während Konsens also im Mainstream-Porno fast ausschließlich hinter den Kulissen verhandelt wird, werden einige Konsens-Elemente in vielen von Houstons Filmen auch gezeigt.

Nikki Darling and Jack Hammer XL on the set of “Bed PartyNikki Darling und Jack Hammer XL am Set von “Bed Party

Mainstream-Porno: Ein falsches Vorbild?

Letztlich bleibt bei uns die Frage: Wenn offensichtlich viele der Zuschauer_innen nicht begreifen, dass Pornos konsensual produziert werden, welche Wirkung haben Darstellungen vermeintlich erniedrigender Sexpraktiken dann auf sie? Fühlen sich zum Beispiel männliche Zuschauer ermutigt, erniedrigend mit ihren Sexualpartnerinnen umzugehen, weil sie es in Pornos gesehen haben?

Ein Problem des Mainstream-Pornos bleibt letztlich auch, dass die Filme meist illegal gestreamt oder heruntergeladen werden. Häufig fehlt in solchen Fällen eine Einbettung der Handlung in ihren ursprünglichen Kontext. Dieser Kontext ist es jedoch oft, der den Zuschauern hilft, das Gesehene einzuordnen.

Zum Thema “Pornos und Piraterie”  haben wir uns in Teil drei des Videointerviews ausgiebig unterhalten.

Wie funktioniert Konsens also im Porno?

Manche Produktionsfirmen nutzen, so erklärt uns Lee, “Ja – Nein – Vielleicht”-Listen, auf denen alle Darsteller*innen angeben können, was sie gern mögen, was definitiv eine Grenze ist, und worauf sie sich je nach Situation einlassen würden. Vor einem Dreh besprechen die Darsteller*innen außerdem, was passieren wird – und was nicht. Bei den Produktionen von Shine Louise Houston ist dabei das gesamte Filmteam mit von der Partie. Wenn jemand ein Problem mit dem hat, was gefilmt werden soll, findet so lange eine Auseinandersetzung statt, bis alle Beteiligten einen Konsens gefunden haben.

Mit einer Liste und einem Vorgespräch endet die Auseinandersetzung jedoch nicht: Konsens findet, wie Lee uns erklärt, fortwährend statt, kann und darf sich verändern, und kann auch entzogen werden. Wenn ein Dreh für eine*n der Beteiligten unangenehm wird, kann er zu jedem Zeitpunkt abgebrochen werden.

Und was ist mit Safer Sex?

Ein wichtiges Element von Safer Sex ist regelmäßiges Testen auf STDs. In den USA steht der Pornoindustrie hierfür die vertrauliche Datenbank PASS (Performer Availability Screening Services) zur Verfügung. Aktive Darsteller*innen können sich alle zwei Wochen auf sämtliche sexuell übertragbaren Krankheiten testen lassen. Wenn ein Test positiv ist, zeigt das System nur an, dass die betreffende Person momentan nicht arbeiten kann, detalliertere Informationen über die Art der Krankheit werden jedoch vertraulich behandelt. Sobald der oder die Darsteller*in behandelt und negativ auf sämtliche STDs getestet wurde, wird die Arbeitsfähigkeit bescheinigt.

Das Bestehen systematischer Testverfahren bedeutet jedoch nicht, dass in der Pornoindustrie komplett auf andere Arten des Safer Sex verzichtet wird. “Man sagt immer, man braucht zwei von dreien”, so Houston: Tests, Barrieremethoden (z.B. Kondome, Lecktücher, Handschuhe, Anm.), Kommunikation. Wenn man zwei von dreien nutzt, genügt das.”

Lust auf mehr? Hier geht’s zu Teil zwei des Interviews.


Interview, Text und Videoproduktion: Julia Pustet
Links: Pinklabel.tv, Crashpadseries.com

 

 

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