product

Illustration: Julia Pustet

Gastbeitrag von Julia Pustet: Psychische Spätfolgen my Ass.

Statt unnötiger Studien zu Schwangerschaftsabbrüchen: Sechs Dinge, die wir mit 5 Millionen Euro anstellen würden.

Gesundheitsminister und Frauenversteher Jens Spahn bekam Anfang 2019 fünf Millionen Euro bewilligt, um eine Studie zu psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen durchführen zu lassen. Das ist lächerlich. Und es geht weder Spahn noch seiner Partei um das Wohl von Frauen. Bei der Debatte um den §219a, das sogenannte “Werbeverbot” für Abtreibungen, wurde einmal mehr deutlich: Dass es für Frauen schwierig ist, überhaupt einen geeigneten Arzt für einen Schwangerschaftsabbruch zu finden, ist der CDU ziemlich egal. “Wer abtreiben will, muss leiden” trifft die Intention der Partei am Besten.

Im Grunde ist es schon bezeichnend, dass die sachliche Information darüber, als Arzt Schwangerschaftsabbrüche anzubieten, als “Werbung” bezeichnet wird. Man gewinnt den Eindruck, bei Frauen würde schon die bloße Möglichkeit einer Abtreibung ein unwiderstehlicher Drang erzeugt, sich den Uterus kärchern zu lassen. Frauen werden in der Debatte um den §219a gern wie Kinder behandelt, die sich nicht zusammenreißen können, wenn im Kassengang des Supermarkts ein paar Schokoriegel ausliegen.

Hormonbomben mit Schokolade zu vergleichen kann nur, wer sich nie mit den Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille herumschlagen musste.

Frauen, mag man glauben, können sich bei der Aussicht auf so ein bisschen Schwangerschafts-Thrill vor lauter Gier nur schwer zusammenreißen: 2014 warnte Spahn davor, Frauen könnten die “Pille danach” schlucken “wie Smarties”, wenn sie rezeptfrei zugänglich wäre. Von der Tatsache einmal abgesehen, dass zu Verhütungs-Malheurs immer zwei Menschen gehören, kann wirklich nur ein cis-Mann Hormonbomben mit Schokolinsen vergleichen. Die meisten Frauen, die Bekanntschaft mit Pille oder Pille danach machen mussten, kennen sich jedenfalls mit den Nebenwirkungen der Hormoneinnahme besser aus als unser Gesundheitsminister.

Geht es nach dessen Frauenbild, sind wir impulsiv, triebgesteuert, asozial und schutzwürdig. Natürlich nicht vor gewalttätigen Ehemännern, Verarmung, stetig steigende Mieten oder soziale Ausgrenzung durch das Dasein als Alleinerziehende – nein. Frauen müssen vor allem vor sich selbst geschützt werden.

Um diesen Schutz vor dem allzu Weiblichen im Weibe gewährleisten zu können, fragt Spahn nun also, natürlich objektiv und völlig unvoreingenommen, nach den psychischen Spätfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen. Und das, obwohl das Thema eigentlich als ausreichend erforscht gilt: Gleich mehrere Studien haben seit den 80er Jahren herausgefunden, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Abbrüchen und psychischen Erkrankungen/ Traumata gibt. Eventuelle Korrelationen sind eher den allgemeinen Lebenssituationen von Frauen geschuldet: Befinden sie sich etwa in einer gewalttätigen Partnerschaft, ist die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden oder wurde sie zu dem Abbruch gedrängt, ist eine gewisse Wahrscheinlichkeit gegeben, dass sie nach dem Abbruch unter psychischen Probleme leiden. 

Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Abbruch Ursache dieser Probleme ist.

Wie wäre es mal, die psychischen Folgen des Lebens als alleinerziehende Mutter mit Hartz4 zu untersuchen?

Ob Spahn sich wohl ebenso dafür interessiert, wie es um die Psyche einer Frau bestellt ist, die in prekärer finanzieller Lage ein Kind gebärt und aufzieht? Ohne Partner, mit gewalttätigem Partner, in extrem jungem Alter, ohne funktionierendes soziales Netz, oder aufgrund von familiärem Zwang? Ob ihn interessiert, dass laut einer jüngeren Befragung 20% der Frauen bereuen, Kinder bekommen zu haben? Dass die Lebenszufriedenheit von Paaren aufgrund von Zukunftsängsten und fehlender staatlicher Unterstützung im Schnitt nach der Entbindung sinkt? Fraglich. Spahns Haltung zu Hartz4 (Damit habe “jeder, was er zum Leben braucht”) legt nahe, dass ihm das Schicksal von Menschen mit Kindern weniger am Herzen liegt als das von Frauen, die sich selbstbestimmt dafür entscheiden, eine Schwangerschaft abzubrechen.

“Das angestrebte Ergebnis – dass Frauen unter Abbrüchen leiden – kann hervorragend genutzt werden, um allen Frauen Kälte und Herzlosigkeit zu unterstellen, die den Fötus nicht betrauern”

Die geplante Studie ist ein weiterer Versuch, das Recht von Frauen auf körperliche Selbstbestimmung zu beschneiden. Der Verdacht, Frauen könnten nach einer Abtreibung unter ihrer Entscheidung leiden, bedient sich eines veralteten Frauenbildes, nach dem Frauen im tiefsten Inneren dazu geboren sind, liebende Mütter zu sein. Das angestrebte Ergebnis – dass Frauen unter Abbrüchen leiden – kann hervorragend benutzt werden, um Frauen Kälte und Herzlosigkeit zu unterstellen, die den Fötus nicht betrauern.

So ärgerlich Spahns Vorhaben ist, so wenig erstaunt es doch: Um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung war es in der Partei der besorgten Männer nie sonderlich gut bestellt. 1997 wurde im deutschen Bundestag beschlossen, Vergewaltigung in der Ehe zu illegalisieren. Von den 138 Gegenstimmen stammten 130 von Männern aus CDU, CSU und FDP. Ob sich der Gesundheitsminister der Herzen, damals zarte 17, den Herren Seehofer, Merz und Kauder wohl angeschlossen hätte?

Doch genug der Polemik. Wir hätten da nämlich ein paar konstruktive Ideen, was man mit 5 Millionen Euro noch so alles anstellen könnte.

1. Bessere finanzielle und infrastrukturelle Unterstützung alleinerziehender Mütter

Der überwältigende Großteil der Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. Alleinerziehende Frauen sind in der Regel ärmer, abstiegsgefährdeter und höher verschuldet als alleinerziehende Männer. Okay, um den Hartz4-Satz wirklich auf ein Niveau zu heben, das Frauen und ihren Kindern zu einem menschenwürdigen Leben verhilft, sind etwas mehr als 5 Millionen Euro vonnöten. Die politischen Anstrengungen, die nötig sind, um den Arbeitsmarkt so umzustrukturieren, dass alleinerziehende Frauen nicht mehr von Arbeitslosigkeit bedroht sind, sind wahrscheinlich auch ein bisschen teurer. Nicht einmal die Revolution gibt es umsonst. Trotzdem: Jeder alleinerziehenden, von Armut bedrohten Frau fünf Euro zu überweisen wäre immer noch geiler als Spahns Studie.

2. Ausbau von Frauenhäusern



Die 62 Frauenhäuser Nordrheinwestfalens, die Schwarz-Gelb mit jährlich 9,5 Millionen Euro fördert, haben im vergangenen Jahr über 7358 Hilfsgesuche abgelehnt. Daraus die genaue Zahl der schutzsuchenden Frauen zu ermitteln, ist schwierig, da die meisten Opfer häuslicher Gewalt sich an mehrere Frauenhäuser wenden. Dennoch wird aus den steigenden Zahlen sehr klar ersichtlich: Häusliche Gewalt in Familien ist ein dringendes Problem, mit dem Frauen alleine gelassen werden. Das ist sogar noch beschissener als Spahns Studie.

3. Ausbau von Kreißsälen und staatliche Beihilfe zur Versicherung von Hebammen

Der Hebammenberuf ist in Deutschland dank einer absurd teuren Haftpflichtversicherung so schlecht bezahlt, dass sich immer mehr freiberufliche Hebammen zurückziehen oder nur noch in Teilzeit arbeiten. Weil die Versicherungssumme dann fällig wird, wenn selbstständige Hebammen Geburten betreuen, bieten viele von ihnen nur noch Vor- und Nachbereitungskurse an, und Babys werden immer öfter in sterilen Kreissälen von Ärzten zur Welt gebracht. Frauen, die sich eine andere Geburt wünschen, ohne Medikamente und in angenehmerer Umgebung, müssen immer öfter ohne Hebamme auskommen. Gleichzeitig passiert es mitten in Deutschland, dass Frauen in den Wehen von Krankenhäusern weggeschickt werden, weil kein Platz mehr im Kreißsaal ist. Und ihr Kind dann auf dem Parkplatz gebären. Das ist scheiße. Genauso wie Spahns Studie.

4. Mehr Kitaplätze

Die meisten Berliner*innen um die 30 kennen mindestens ein Paar, das bei der Kita-Suche völlig verzweifelt. In Berlin fehlen um die 3000, in ganz Deutschland ca. 300.000 Kita-Plätze. Weil Frauen im Schnitt schlechter bezahlt werden als Männer, sind sie in der Mehrheit der Fälle diejenigen, die ihre Karriere der Kinderbetreuung opfern müssen. Für den Ausbau der Kitas und bessere Anreize zum Erzieherberuf fehlen tatsächlich Milliarden, nicht Millionen. Trotzdem: Spahns Studie ist scheiße.

5. Kostenlose Verhütung und STD-Tests für Alle

Chlamydien können bekanntlich unfruchtbar machen. Doch der Test auf den sexuell übertragbaren Erreger kostet für Frauen über 25 in Deutschland um die 100 Euro. Das Kombipaket (alle STDs plus HIV) schafft es sogar auf 120. STD-Tests müssen aus eigener Kasse bezahlt werden, als wäre reproduktive Gesundheit ein besonderer Luxus. Die Spirale kann bei Frauen, die technisch gesehen keine Geringverdienerinnen mehr sind, mit 200-500 Euro zu buche schlagen. Ziemlich viel Geld, wenn man noch für Kinder und perverse Großstadtmieten aufkommen muss. Spahn will weniger Abtreibungen? Dann soll er uns die Spirale bezahlen. Und unsere STD-Tests auch. Was er sich hingegen sparen kann: Seine dämliche Studie.

Fazit

Eltern werden, genaugenommen: Mutter werden, ist in Deutschland mit vielen Hürden verbunden – gerade für Angehörige einkommensschwacher Schichten, zu denen heute auch viele AkademikerInnen gehören. Egal, ob ein Schwangerschaftsabbruch jedoch aufgrund der Lebenssituation, der Partnerschaftssituation, des Alters oder der Entscheidung gegen Kinder erfolgt: Es gilt als erwiesen, dass Schwangerschaftsabbrüche in der Regel gut verarbeitet werden. Hinzu kommt, dass entgegen des Klischees vom “Wunder des Lebens” nicht alle Eltern langfristig glücklich darüber sind, sich für die Austragung einer Schwangerschaft entschieden zu haben. Menschen werden aus den unterschiedlichsten Gründen ungewollt schwanger. Und es liegt allein in ihrem Ermessen, wie sie damit umgehen.

 

Julia

 

 

LOVE RECORDS PLUS

Gemeinsam noch glücklicher werden?

Lerne mit unseren real-life Sextutorials von Love Records Plus.
Probiere es aus, melde dich jetzt an und erhalte ein Tutorial gratis!
!

JETZT GRATIS TUTORIAL SEHEN