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“Die Aufklärung bestand im Rumzeigen ein paar Fotos von Riesengenitalien mit Geschlechtskrankheiten.”

Wie Shauna Blackmon mit ihrem Blog das Bewusstsein für altersgerechte Sexualaufklärung verändern will. Ein Interview.

„Sexualität ist wie Kaugummi: Einmal angebrochen, ist die Schönheit dahin. Niemand möchte einen benutzten Kaugummi weiter kauen. Er ist wertlos, grau und dreckig.“ So wurde Shauna Blackmon (heute 29) in der Schule „aufgeklärt“. Sie wurde dennoch erwachsen, zog nach Berlin und gründete den Blog „Stumbling on Sexuality“, in dem es um allererste sexuelle Erfahrungen und falsche Aufklärung geht.It’s not gay, if it’s just play“, „The guilty gender“, „It’s always the teddybear“…, so nennt Shauna die Geschichten, die ihr erzählt werden. Viele sind kurios, manche lustig, manche auch traurig oder skurril. Da ist zum Beispiel Momo aus Ostberlin, die in ihrer Kindheit ständig von Nackten umgeben war, und deren Eltern offen über des Vaters Bordellbesuche sprachen. Oder Ashley aus den USA, die sich als Teenager Sexspielzeug aus Klorollen baute. Kürzlich wurde Stumbling on Sexuality von der Plattform Kinkly unter die „Top 100 Sex Blogging Super Heros“ gewählt. Zeit, Shauna Blackmon persönlich kennenzulernen. Unsere Redakteurin Lisa hat sie in einem Café in Berlin Kreuzberg getroffen und mit ihr darüber gesprochen, ob Sex-Education immer moralisch sein muss.

Lisa: Du schreibst in deinem Blog, dass du in der so genannten Bible Belt Region aufgewachsen bist? Was hat es damit auf sich?

Shauna: Gemeint ist ein Gebiet in den USA, das sich von Texas über Kansas bis nach Florida erstreckt. Hier ist die Bevölkerung noch sehr protestantisch geprägt. Ich selbst bin in Kansas aufgewachsen.

Lisa: Deine Familie war also auch sehr religiös?

Shauna: Meine Eltern waren nicht direkt christlich und religiös, sondern eher unglaublich konservativ. Über Sex wurde einfach niemals geredet. Die Aufklärung bestand im Rumzeigen von ein paar Fotos von Riesengenitalien mit Geschlechtskrankheiten. „Sowas kriegt man, wenn man Sex hat.“, war die Botschaft. “. Mir wurde nie erklärt, wie man ein Kondom benutzt, sondern nur dass Sex dreckig und beschämend ist.

„Ich dachte, es funktioniert als Tausch. Wenn man Sex will, muss man eine Beziehung eingehen und umgekehrt.“

Lisa: Wie verlief dann deine Jugend weiter?

Shauna: Als ich das erst Mal in der Dusche geübt habe, mich selbst zu befriedigen, war ich enttäuscht. Ich wusste nicht mal, was eine Klitoris überhaupt ist. Mit 16 verlor ich meine Jungfräulichkeit, mit einem festen Freund. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass Sex etwas sehr Schützenswertes und auch Unfreies ist, nie ganz wegbekommen. Ich dachte, es funktioniert als Tausch. Wenn man Sex will, muss man eine Beziehung eingehen und umgekehrt. Was ja an sich nichts Schlechtes ist, aber ich habe mich einfach nicht als sexuelles Wesen wahrgenommen, verstehst du?

Lisa: Wann hat sich das geändert? Wie hast du dich davon emanzipiert?

Shauna: Danach hatte ich viele weitere feste Freunde, aber es fiel mir schwer mich fallen zu lassen. Der Sex war nie mehr als mittelmäßig und ich dachte: Ok, ich bin eben so drauf, ich kriege halt keinen Orgasmus. Als ich mit 24 nach Berlin zog, lernte ich einen Mann kennen, der das änderte, und zwar in der besten und liebevollsten Art und Weise. Er zeigte mir, dass das nicht so sein muss, dass man diesen Zustand ändern kann.

Lisa: Was passierte nach deinem Umzug nach Berlin?

Shauna: Es gibt wohl kaum eine sexoffenere und sexpositivere Stadt als Berlin. Hier hatte ich eine große Community an sehr offenen Sexpositiven Menschen. Ich hatte sehr viele persönliche Gespräche über Sex und mache auch selbst viele Erfahrungen.

„Mir wurde klar, dass die frühen Erfahrungen den späten Erwachsenen formen. Und so offen Berlin sonst auch ist: Dieser Teil hat noch gefehlt.“

Lisa: Wie kamst du dann darauf, den Blog zu gründen?

Shauna: Die Idee entstand, als ich mit meinen neuen Freunden immer öfter über Sex geredet habe, speziell über das sexuelle Erwachen. Mir wurde klar, dass die frühen Erfahrungen den späten Erwachsenen formen. Und so offen Berlin sonst auch ist, dieser Teil hat noch gefehlt. Man kann also sagen: Ich fand eine Nische und habe sie bedient (lacht).

Lisa: Wie entstehen die Texte, was ist der genaue Prozess?

Shauna: Zuerst habe ich meine Freunde gefragt und alle damit genervt, ob ich sie interviewen kann. Ich habe sie getroffen, ihnen zugehört und ihre Geschichten aufgeschrieben. Und so mache ich das meistens immer noch, nur dass nach und nach mehr Leute von außerhalb meiner persönlichen Community hinzukommen.

Lisa: Dabei ist es bestimmt wichtig, die persönlichen Erfahrungen des Einzelnen nicht zu sehr beschneiden, allerdings sind die Geschichten ja auch sehr lange her. Wie gehst du da vor? Wie editierst du die Interviews?

Shauna: Ich versuche die Geschichte eher auf den Punkt zu bringen und zu strukturieren. Manchmal ist die Erinnerung zu lange her und oft erhasche ich nur sie nur kleine Einblicke und Geistesblitze, die spannend klingen, und diese Spur versuche ich dann zu verfolgen. Danach mache ich sie noch „schön“, indem ich ein paar passende und witzige Gifs und Memes hinzu füge.

Lisa: Wer kann mitmachen? Und hat Stumbling on Sexuality eine bestimmte Zielgruppe?

Shauna: Frauen, Männer, alle Geschlechter können mitmachen. Der Prozentsatz ist aktuell ungefähr 60 zu 40 im Verhältnis Frauen zu Männern. Das hat mich sehr überrascht, aber ich freue mich natürlich, dass auch so viele Männer ihre Erfahrungen schildern. Denn ganz oft ist dieses Thema immer noch sehr schambehaftet und die Interviewten fühlen sich komisch, weil sie nie mit Jemandem darüber geredet haben. Sie müssen erstmal ihre Erinnerung zurückholen, und ich versuche sie dabei zu unterstützen. Der Blog richtet sich also an alle Geschlechter, die Leserschaft ist definitiv gemischt.

„Auch wenn das Kind noch so süß und klein ist – es macht sich Gedanken über seine Umwelt. Dessen müssen Eltern sich einfach bewusst sein.“

Lisa: Was würdest du, nach allem, was du gelesen hast, Eltern raten? Bezüglich der richtigen Art von Aufklärung?

Shauna: Uhhhh…schwere Frage…

Lisa: Ich weiß. Versuch es trotzdem.

Shauna: Ich glaube es ist unmöglich für Eltern, Dinge nicht auf irgendeine Art ein bisschen falsch zu machen. Doch Eltern müssen verstehen, dass Kinder erste sexuelle Erfahrungen machen, auch wenn sie sehr jung sind. Es ist nicht zu früh, mit ihnen darüber zu reden. Eltern muss bewusst sein, dass Kinder mitkriegen, was um sie herum abgeht. Man soll das nicht ignorieren. Natürlich muss es altersgerecht bleiben. Auch wenn das Kind noch so süß und klein ist, es macht sich Gedanken um die Welt. Dessen muss man sich einfach bewusst sein. Einfach gar nicht darüber zu reden, ist keine Lösung. Sonst holen sich die Kinder die Informationen von woanders.

Lisa: Ja…

Shauna: Sagen wir‘s wie es ist: von Pornos.

Lisa: Was nicht immer das Beste ist.

Shauna: Sicher nicht.

Lisa: Wie offen ist eigentlich zu offen? Gibt es eigentlich auch Eltern, die es übertreiben mit der Sexpositivität?

Shauna: Das ist eine interessante Frage. Junge Menschen erfahren ihre Sexualität so unterschiedlich. Viele haben, wie ich, nie ein Wort von ihren Eltern gehört. Andere Kinder hingegen haben gar nicht gelernt, wo die Grenze ist und was besser Privat bleiben sollte. Eine Person hatte Eltern, die ständig im Wohnzimmer ganz laut SM-Videos geschaut haben. Das ist natürlich auch nicht das Wahre.

Lisa: Das stimmt. Hast du das Gefühl, dass sich seit dem Kinkly-Ranking etwas verändert hat? Bist du jetzt irgendwie berühmter?

Shauna: Nein, eigentlich nicht. Ich glaube aber, dass die Auszeichnung einfach hilft, ein bisschen mehr mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Ein positiver Effekt ist auch, dass immer mehr Leute außerhalb von Berlin mich anschrieben. Teilweise schicken sie auch ihre eigenen Geschichten ein, was für mich natürlich bequemer ist, da ich weniger Arbeit habe. Andererseits kann ich diese Geschichten dann nicht so gut in eine bestimmte Richtung lenken, deshalb muss ich schauen, ob sie zum Blog passen.

Liebesgrüße aus der Kindheit: „My five Decade Journey Becoming a Shameless Slut“ und andere Geschichten

Lisa: Was wäre ein Beispiel für eine „unpassende Geschichte“?

Shauna: Eigentlich geht es ja um erste sexuelle Erfahrungen und Aufklärung im Kindesalter. Jetzt hat aber Jemand über sein ganzes bisheriges Leben und die sexuellen Verwicklungen, die seine Adoption mit sich brachte  geschrieben und fiel dadurch aus dem Rahmen. Trotzdem sind es diese Geschichten natürlich auch wert gehört zu werden, vor allem, weil sie zeigen, wie lange die Nachwirkungen unserer Aufklärung in der Kindheit noch einen aktiven Effekt auf unser Erwachsenenleben haben. Dafür baue ich jetzt die Rubrik „Other things we love“ aus.

Lisa: Antwortest du auf jede Nachricht?

Shauna: Ich versuche es.

„Mein Ziel ist es, den Blog als Plattform zu nutzen, ohne Jemanden zu belehren“

Lisa: Kannst du vom Bloggen leben, und ist das überhaupt dein Ziel?

Shauna: Bis jetzt ist es einfach nur ein Hobby, das ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen hat. Im Moment besuchen durchschnittlich etwa 250 Leser täglich den Blog. Ich erwarte nicht, damit meine Miete zu bezahlen. Jetzt nicht, und auch später nicht. Mein Ziel ist es, Stumbling als Plattform zu nutzen und dadurch vielleicht zur Sex-Education beizutragen, ohne die Moralkeule zu schwingen. Allerdings habe ich habe eine journalistische Ausbildung, und ich würde schon gerne wieder mehr in meinem Beruf arbeiten. Davon habe ich mich entfernt, als ich nach Berlin zog. Ich orientiere mich grade beruflich um. Mal sehen, was noch kommt.

Lisa: Was sind deine beruflichen Zukunftspläne?

Shauna: Ich ziehe demnächst nach Barcelona. Dort möchte ich natürlich weiterzuführen, mich wieder mehr auf meine journalistische Karriere orientieren, und weiter über Sex schreiben. Ein angenehmer Nebeneffekt ist nämlich, dass ich mittlerweile zu einer Art Expertin auf dem Gebiet geworden bin. Ich schreibe nun Artikel über ähnliche Themen für Webseiten und Magazine.

Lisa: Vielen Dank für das spannende Gespräch.

Lisa trifft Shauna kurz nach dem Gespräch erneut, weil Stumbling on Sexuality als eine Art Sex Slam auf einer Bühne in Berlin Friedrichshain stattfindet. Die Stimmung ist gut. Storyteller und Slamer, die zwar in Berlin gestrandet, aber von überall her sind, erzählen wie es früher bei ihnen lief mit der Selbstbefriedigung, der Scham und der sexuellen Befreiung. Ein Teilnehmer erzählt, dass es nicht leicht ist, ein Pionier der freien Liebe zu sein, wenn man acht ist. Bei der Geschichte geht es um seine viel zu offene Hippie-Mutter. Ob solche Lesungen in Zukunft öfter stattfinden, weiß Shauna allerdings noch nicht. Das Konzept sei insofern schwierig, dass man immer ganz neue Storyteller finden müsse, da es ja für erste Male nur eine Chance gebe.


Shaunas Block findet ihr hier: 
https://stumblingonsexuality.com/
Facebook: https://www.facebook.com/StumblingonSex/
Instagram: https://www.instagram.com/stumblingonsexuality/

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Lisa

 

 

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