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Leo von offenlieben

“Kinder können in polyamoren Beziehungen aufwachsen und kommen damit meistens ziemlich gut zurecht.” 

Wir sprachen mit Leo von offenlieben über Polyamorie, Freiheit und Verbindlichkeit.

Leo ist 31, Arzt und Papa von vier Kindern. Seit 13 Jahren führt er eine offene Beziehung. Mit seiner zweiten Partnerin ist er seit 3 Jahren zusammen. Seit 3 Monaten wohnt er mit drei PartnerInnen, seinen Kindern und zwei Studenten in einer WG. In seiner – naturgemäß begrenzten – Freizeit liest er gerne Science Fiction und Texte zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen. Weil ihm auffiel, dass es zum Thema Polyamorie viel zu wenig zu lesen gibt, gründete er 2016 den Blog offenlieben.de, auf dem er regelmäßig Texte zu verschiedenen Aspekten polyamorösen Lebens und Liebens veröffentlicht. Wir hatten ein paar Fragen und haben uns mit Leo über Eifersucht, polyamoröse Singles und Kinder in Polyfamilien unterhalten.

Welche Fragen zu deinem Beziehungsleben werden dir viel zu oft gestellt?

„Und wie funktioniert das?“ – Danke, gut.

„Bist du nie eifersüchtig.“ – Nein, natürlich nie. Ich bin absolut perfekt und habe meine Emotionen zu 100% unter Kontrolle. (Anmerkung der Redaktion: Könnte Spuren von Ironie enthalten.)

„Also ich könnte das nicht.“ – Okay.

Welche Fragen zu Polyamorie und offenen Beziehungen wurden dir viel zu selten gestellt?

Mittlerweile gibt es ziemlich wenige Fragen, die ich noch nie gehört habe oder die mich überraschen. Ich freue mich immer, wenn sich jemand ehrlich interessiert und gezielt überlegte Fragen stellt. Ich mag aber keine Fragen, die darauf abzielen möglichst “skandalöse” Informationen zu erhalten. Das Eichmaß ist eigentlich immer: Wenn ich gerade erzählt hätte, dass ich eine ganz alltägliche monogame Beziehung hätte, würde sich das Gegenüber dann trauen die gleichen Fragen zu stellen? Würde er oder sie überhaupt Fragen stellen? Wenn das nicht der Fall ist, bin ich mit den Antworten fast immer eher zurückhaltend.

Du lebst mit drei PartnerInnen und euren Kindern zusammen. Was unterscheidet euer Zusammenleben und eure Beziehungsform von der klassischen Polygamie, also der Vielehe zwischen einem Mann und mehreren Frauen?

Poly-gam bedeutet, wie du schon gesagt hast, Viel-Ehe. Wir sind aber nicht miteinander verheiratet. Das geht in Deutschland auch gar nicht, hier kann nicht mit mehr als einem Menschen heiraten. Und selbst wenn wir das könnten, würden wir es nicht unbedingt tun. Die Ehe ist nämlich weder historisch noch aktuell so unproblematisch oder romantisch, wie man vielleicht denken mag.

Dann sind wir auch nicht nur ein Mann und mehrere Frauen, sondern zwei Männer und zwei Frauen. Es gibt bei uns auch keine Regel, dass nur der Mann oder nur die Frau mehrere Partner haben darf. Es gibt in dem Sinne überhaupt keine harten Begrenzungen oder Regeln, außer die Zeit und Ressourcen, die man zur Verfügung hat. Das heißt, auch wenn ich mehrere Beziehungen habe, hält mich niemand davon ab, weitere One-Night stands zu haben, wenn ich das möchte. Wenn ich aber zusätzliche Beziehungen eingehen wollte, wäre das aber natürlich vermutlich ein Ressourcenproblem. Deshalb wäre das dann einfach nicht fair meinen anderen Partnern, und natürlich auch der neuen Person gegenüber. Daher würde ich das persönlich aktuell nicht wollen.

Die “klassische Polygamie” bedeutet in der Regel tatsächlich, dass ein Mann und viele Frauen zusammen sind. Das ist ein sehr patriachales und meistens auch religiös geprägtes Konzept. Die Polyamorie, beziehungsweise die Beziehungsform, die wir leben, hat den Anspruch das genaue Gegenteil zu sein – also maximale sexuelle Freiheit auch für Frauen. Damit verkörpert sie meiner Meinung nach implizit auch radikal-feministische Werte, ohne dabei auf Verbindlichkeit und Beständigkeit verzichten zu müssen.

Du schreibst, dass man sich in offenen Beziehungen mit einer Menge Drama auseinandersetzen müsse. Ist es okay an den eigenen Maßstäben auch mal zu verzweifeln?

Ich weiß gar nicht mehr genau in welchem Zusammenhang ich das geschrieben habe. Es stimmt aber insofern, dass die „Anfangskosten“ ziemlich hoch sind. Wenn man sich von der Monogamie nachhaltig verabschiedet, muss man erst mal eine große Lücke füllen. Der Standard greift auf einmal nicht mehr und man muss neue Konzepte und neue Wünsche finden und entwickeln. Dann merkt man vielleicht auch zum ersten Mal, wie unterschiedlich der oder die eigenen Partner tatsächlich von einem selbst sind. Das führt vor allem in den ersten ein bis drei Jahren des Wechsels von monogamen zu offenen Beziehungen oft erstmal zu vielen Diskussionen, und manchmal auch Streit. Es ist völlig normal, dass man sich manchmal fragt, ob es das Ganze wert ist.

Eigentlich ist das Ganze auf ziemlich alte Fragen der Philosophie zurückzuführen: Wenn ich eine bessere, weisere und erfahrenere Version von mir gegen eine von früher tauschen kann, die dafür glücklicher ist, würde ich das tun? Oder: Wenn ich in eine Maschine steigen könnte, die mich nichts mehr fühlen lässt außer Glück, würde ich das wollen? Die Antwort lautet bei fast allen Menschen: Nein. Man möchte die Erfahrungen, die gewonnenen Fähigkeiten, aber auch das Leid nicht wieder hergeben.

Und genau das ist es, was bei offenen Beziehungen in der Regel passiert. Man entwickelt sich – gezwungenermaßen – als Mensch weiter. Dass sich das wie ein Zwang anfühlt, ist natürlich scheiße und unangenehm. Dass man sich aber weiterentwickelt, ist eigentlich ziemlich gut, nur manchmal eben etwas ermüdend.

Mal ehrlich: Die meisten Menschen haben ja schon Schwierigkeiten auch nur einen Partner zu finden. Fällt es polyamor lebenden Menschen irgendwie leichter Beziehungen aufzubauen, oder gibt es einfach auch viele polyamoröse Singles, oder polyamor lebende Menschen mit nur einer Beziehung?

Sowohl als auch. Es gibt viele polyamore Menschen, die Singles sind oder „nur“ eine Beziehung haben.

Sehr viele Menschen in offenen Beziehungen haben sich durch ihre Beziehungspraxis aber auch erheblich weiter entwickelt. Sie sind in der Lage dazu, tragfähige Beziehungen aufzubauen und zu finden. Sie sind sozusagen Experten geworden, darin zu verstehen, was sie wünschen, brauchen, und wie und von wem sie es kriegen können.

Hinzu kommt, dass man als polyamorer Mensch ja nicht sofort „weg vom Fenster“ ist, nur weil man einen neuen Partner findet. Dadurch bilden sich in fast jeder größeren Stadt Netzwerke von Menschen aus, die sich alle irgendwie mal irgendwann gedatet haben. Und wenn man einen davon kennen lernt, lernt man ziemlich schnell jemanden kennen, der gerade gut passt. Es gibt ja dieses monogame Ideal: “Eine/r, für alles, für immer”. In der polyamorösen Szene ist dieses Ideal nicht so ausgeprägt, wodurch man in seiner Auswahl nicht mehr so radikal eingeschränkt ist. Zum Beispiel kann man auch als Sportmuffel einen Wanderfreak daten, da er oder sie sein Hobby ja im Zweifelsfall mit dem anderen Partner ausleben kann. Es geht dann mehr um die emotionale Bindung als darum, das man in jedem Aspekt der Lebensführung “zueinander passt”.

Welche Regeln sind in polyamoren Beziehungen üblich?

Das ist von Paar zu Paar und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Die allermeisten Menschen in offenen Beziehungen legen aber hohen Wert auf Ehrlichkeit und offene Kommunikation. Das ist auch notwendig, weil es sonst viel zu schnell sehr kompliziert wird.

Allein die Notwendigkeit von „Regeln“ an sich, wird aber von vielen Polys schon angezweifelt. Es geht dann oft eher um Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und das Respektieren von Wünschen und Grenzen.

Die Idee von „Beziehungsregeln“ an sich ist auch schon eher eine monogame, und eher für „frische“ offene Beziehung typisch. Je länger diese andauern, desto eher wird sich von solchen Konzepten meistens verabschiedet. Man überlegt stattdessen gemeinsam, was man möchte und wie man das möglichst für alle erreichen kann.  

Wenn zum Beispiel neue Partnerinnen hinzu kommen: Gibt es Grundsätze, die für dich nicht verhandelbar sind? Gibt es welche, die es sind?

Für mich persönlich ist nicht verhandelbar, dass ich mit meinen Partnern ehrlich sein werde und mit ihnen rede. Das ist für viele erst mal eine Verletzung der Intimität, verhindert aber viele komische Situationen und Missverständnisse. „Grundsätze“, die man über Bord werfen sollte, sind für mich vor allem das sogenannte „couple privilege“. Das ist die Idee, dass die „ältere“ Beziehung auf jeden Fall schutzwürdig gegenüber den Bedürfnissen der „neueren“ ist. Das heißt nicht, dass man anfangen muss, rücksichtslos zu sein. Es heißt auch nicht, dass es keine Differenzierung in Wichtigkeit und Intensität bei unterschiedlichen Partnern geben kann. Es bedeutet aber, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten erstmal gleichermaßen wichtig sind. Die Balance dieser beiden Grundsätze, einerseits die bestehenden Beziehungen stabil zu halten und zu wertschätzen, und andererseits die Bedürfnisse neuer Partner ernst zu nehmen, kann anfangs allerdings schwierig sein.  

(Wie) kann man Eifersucht verlernen? Wie viel Raum kann man ihr in einer offenen Beziehung geben?

Eifersucht ist eigentlich ziemlich okay, solange sie von allen als das gesehen wird was sie ist: Eine Emotion, die bei demjenigen, der sie fühlt, zu Problemen führt. Sie ist aber kein Indikator für Liebe, Intensität oder gar eine Handlungsanweisung. Eines der größeren Probleme an der Eifersucht ist, dass sie als gerechte Emotion wie Liebe oder Zuneigung missverstanden wird. Eigentlich ist sie aber eher eine Emotion wie Neid oder Verlustangst oder Wut. Sie kann durchaus ihren Wahrheitsgehalt haben, ist aber, wenn sie sich ins Dysfunktionale steigert, nichts, was man zur Tugend hochstilisieren muss. Sie zu verlernen ist leider ein längerer Prozess und man kann ein ganzes Buch darüber schreiben.

Was du ja auch getan hast! Das E-Book “Eifersucht verlernen – Mitfreude erlernen” kann man auf deiner Seite kostenlos herunterladen.

Genau! Man muss sich dafür lediglich auf meinem Newsletter anmelden (https://offenlieben.de/newsletter) und kriegt es dann zugeschickt. Wenn einen der übrige Inhalt nicht interessiert, kann man sich danach auch ohne Probleme gleich wieder abmelden.

Kommen wir zur nächsten Frage: Wenn ich jemanden kennenlerne, der bereits eine offene Beziehung führt, stehen meine Bedürfnisse dann nicht an dritter Stelle?

Das könnte sein, ja. Es gibt, wie schon erwähnt, etwas, was “couple privilege” genannt wird. Bei vielen Menschen, die ihre Beziehung öffnen, ist das vor allem zu Beginn ein Thema. Viele wissen auch erstmal nicht, dass sie dieses Privileg haben. Es ist – verkürzt gesagt – die Problematik, dass die Bedürfnisse und vor allem der “Erhalt” des chronologisch ersten Paares immer vor die Bedürfnisse und den Erhalt der danach gekommenen gehen. Das muss aber nicht so sein und ist auch nicht immer so. Glücklicherweise gibt es ja auch nicht “DIE” offene Beziehung, sondern ziemlich viele verschiedene Variationen. Darin kann man mit bestimmten Rollen, die in einer monogamen Beziehung undenkbar wären, ziemlich zufrieden sein. Wenn ich zum Beispiel schon zwei Partner und Kinder habe, bin ich vielleicht ganz froh, wenn ein anderer Partner mich “nur” einmal im Monat sehen will. Denn für mehr hätte ich ja selbst keine Zeit. Wenn ich gerade in Hinblick auf Bindungen sehr meidend bin, ist es mir vielleicht ganz recht, keinerlei Rechenschaft ablegen zu müssen, wenn ich keine Lust auf gemeinsame Zeit habe. So kann ich auch jemanden daten, der normalerweise nicht unbedingt zu mir passen würde.

Für viele Menschen ist es noch undenkbar, dass Kinder in polyamorösen Beziehungen aufwachsen. Dabei ist die Idee, dass nicht nur zwei Menschen die Verantwortung für ein Kind tragen, ja eigentlich sehr einleuchtend. Wie sieht das in der Praxis aus? Haben Kinder in polyamorösen Netzwerken zwei Elternteile, oder sind es mehrere?

In der Praxis funktioniert das ziemlich gut. Die Eltern, die ich kennengelernt habe, sind abgesehen von ihrer Liebesform ganz normale Familien. Es gibt da ganz unterschiedliche Formen. Wirklich viele Menschen, die eine Form mit mehr als zwei Elternteilen leben, gibt es meines Wissens aber noch nicht.

Für die Kinder selbst gibt es viele Vorteile, wenn man mehr Bezugspersonen hat. Es gibt aber natürlich auch einige Nachteile. Elisabeth Sheff hat dazu wissenschaftlich gearbeitet und das Buch “The Polyamorists Next Door” veröffentlicht.

Aber trotzdem nochmal in Kürze: Kinder können in polyamoren Beziehungen aufwachsen und kommen damit meistens ziemlich gut zurecht. Die wenigen Untersuchungen, die es dazu gibt, sind schon aufgrund der fehlenden Verbreitung dieser Lebensform wenig belastbar. Sie weisen aber darauf hin, dass es Kindern damit vermutlich etwas “besser” geht, als wenn sie in monogamen Zweierbeziehungen aufwachsen. Die Angst diesbezüglich ist also unbegründet.

Ist Elternschaft mitunter auch ein Auslöser, sich aus offenen Beziehungsformen zurückzuziehen und zur klassisch bürgerlichen Kleinfamilie zu werden?

Viele legen das für sich so fest, weil sie große Angst haben. Meiner eigenen Erfahrung nach gibt es dafür aber keine guten Gründe. Kindern ist es ziemlich egal, wer mit wem wie Beziehungen hat, so lange sie feste Bezugspersonen haben. Romantische Liebe und Sex sind erwachsenen Themen, sie interessieren Kinder so, wie sie sich auch für andere Dinge interessieren. Mehr aber auch nicht.

Polyamorie bedeutet doch sicherlich auch viel Arbeit. Die meisten Menschen sind im Alter weniger bereit, noch viel Energie in ihre Beziehungen zu investieren. Was für Gedanken hast du zu Polyamorie im Alter?

Das Thema Alter und Sexualität ist allgemein ziemlich tabuisiert. Viele Menschen möchten sich im Alter nicht mehr so viel mit neuen Dingen auseinandersetzen müssen. Ich habe aber auch sehr viele Menschen kennenlernen dürfen, die mit etwa 50 überhaupt erst angefangen haben, offene Beziehungen zu leben. Zum Beispiel, weil sie zu diesem Zeitpunkt das erste Mal aus der vorgefertigten Bahn aussteigen konnten. Diese Menschen haben auf mich meistens eher entspannt gewirkt, hinsichtlich der ganzen Emotionalität und dem Drama, das bei jüngeren Leuten eher vorhanden war. Bezüglich der Idee, grundsätzlich seriell-monogame Beziehungs-Konzepte in Frage zu stellen und aufzubrechen, haben sie sich jedoch meistens etwas schwerer getan.

Alles in allem kann man nicht sagen, das offene Beziehungen nur etwas für alt oder jung sind.

Danke für das Gespräch!

 

Julia

 

 

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