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Gastbeitrag von Stumbling on Sexuality: “Du kannst mich doch jetzt nicht so hängen lassen!”

“Wegen dir hab ich jetzt Samenstau.”

Noch bevor ich zum ersten mal Sex hatte, hatte ich schon von mindestens 20 Typen mehr oder weniger direkt gehört: Wenn du erstmal mit jemandem irgendwie intim geworden bist, ist es total daneben, einen Rückzieher zu machen. Der Mythos vom “Samenstau” (engl. Original: Blue Balls) war in der Junior High School und High School dermaßen verbreitet, dass er irgendwann einfach zu sowas wie Allgemeinwissen wurde. Ich wusste nicht so genau, was Samenstau nun war, oder ob es ihn überhaupt gab, dachte mir aber: Wer bin ich, die Erfahrung von Jungs in Frage zu stellen? Nach allem, was ich wusste, handelte es sich dabei wahrscheinlich um ein echtes, ernstzunehmendes und sehr schmerzhaftes Problem. Und wie sollte ich schon herausfinden, wie sich das Ganze für sie anfühlte?

“Der Typ würde vermutlich davon ausgehen, dass ich ihn in böser Absicht in diese missliche Situation gebracht hätte.”

Ich dachte zwar nicht, ich könne Sex nicht unterbrechen, wenn ich etwas wirklich nicht wollte. Es fühlte sich nur immer an wie die allerletzte Option. Ich wusste, wenn ich die Reißleine zog, würde ich den Moment kaputtmachen und die ganze Beziehung in Frage stellen. Ich wusste auch, ich würde den Vorwurf kassieren, ihn absichtlich so weit provoziert zu haben. Und der Typ würde vermutlich davon ausgehen, dass ich ihn in böser Absicht in diese missliche Situation gebracht hätte.

Mein Umgang mit sexuellem Druck gestaltete sich so, dass ich Sex von vornherein verhinderte oder frühzeitig das Tempo drosselte. So kam ich nie nah genug an den Punkt heran, an dem mir unterstellt werden könnte, mit jemandem bloß gespielt zu haben. Ich ging zum Beispiel immer zeitig nach Hause, um das peinliche “Also…. kommst du noch mit hoch?” zu vermeiden. Ich spielte damals wie heute sehr oft die Rolle des Kumpels oder der platonischen Freundin, um sexuellen Annäherungen aus dem Weg zu gehen. Flirtversuche meinerseits wurden wahrscheinlich seltener gesichtet als das Monster von Loch Ness.

Die Erwartung auf Sex – sogar mit jemandem, mit dem ich wirklich Sex haben wollte – ließ mich komplett versteinern, und brachte mich in den meisten Fällen ziemlich merkwürdige Situationen. Meistens, jedenfalls öfter als umgekehrt, führte das Ganze einfach dazu, dass ich keinen Sex hatte. Sogar als ich älter wurde und als Männer aufhörten, “Samenstau” als Rechtfertigung für die Forderung nach Sex heranzuziehen, waren solche Reaktionen noch tief in mir verankert.

Das bedeutet, dass ich in den letzten fünfzehn Jahren mit weniger Menschen Sex hatte, als ich das gewollt hätte.

Und das nur, weil ich nicht wusste, wie ich mit Erwartungen anderer und mit meinen eigenen Grenzen umgehen konnte. Das heißt: Für alle Beteiligten weniger Spaß, und auch weniger sexuelle Interaktionen, die safe und von allen Seiten gewünscht gewesen wären. Sozusagen eine Lose-Lose-Situation. Trotzdem verhalten sowohl ich als auch viele andere Frauen sich immer noch so. Und so stellen wir uns Kommunikation beim Sex eben einfach nicht vor.

Heute sind über zehn Jahre vergangen, seit ich das letzte Mal von einem Typen das Märchen vom Samenstau gehört habe. Seitdem habe ich Sexparties besucht und zusammen mit Anderen einen sexpositiven Verein gegründet. Ich war auf weit über 50 Workshops und Veranstaltungen zum Thema Konsens und habe auch einige davon angeleitet.

Ich sollte also ein Konsens-Profi sein, oder?

Naja. Nicht wirklich.

Viele Leute denken, wenn man seine Konsensregeln einstudiert hat, als würde man für eine Matheklausur lernen, wüsste man fortan immer automatisch, wie man sich in entsprechenden Situationen, und allgemein in Beziehungen verhalten soll. So ist es aber nicht.

Ich selbst habe schon den Konsens von jemand anderem missachtet (und habe dafür von einem schwulen Engländer mittleren Alters eine ziemliche Ansage kassiert), und einige der liebevollsten, emotional intelligentesten und feministischsten Männer, die ich kenne, haben jemandes Grenzen verletzt. Bei Konsenskultur geht es nicht mehr nur noch um Vergewaltigung und eindeutige sexuelle Übergriffe – Man wusste eh immer, dass diese Arten der Konsensverletzung falsch sind (auch wenn der Kavanaugh-Fall uns vor Augen geführt hat, dass manche Menschen damit trotzdem kein Problem haben). Konsenskultur und ein Bewusstsein für Konsens bedeuten heute, dass wir uns mit einer Vielzahl kleiner Interaktionen auseinandersetzen müssen. Viel zu lange versuchte man herauszufinden, ob jemand Anderes ebenfalls Lust auf etwas hatte, indem man einfach die “ich mach einfach mal so weiter und warte bis sie Stop sagt”-Methode anwandte. Wie sich aber zeigte, wurden dabei kaum alle Beteiligten glücklich.

Doch wie wird Konsens eigentlich hergestellt?

Manche Menschen finden, es sei unabdingbar, vor jedem kleinen Schritt um Erlaubnis zu fragen. Andere sind der Meinung, ständiges Nachfragen würde jede Lust im Keim ersticken. Wahrscheinlich haben beide Positionen ihre Berechtigung. Zu fragen “Kann ich deine Vulva anfassen?” ist etwa in den meisten Fällen nicht sonderlich sexy – auch wenn ich mir gern das Gegenteil beweisen lasse. Zu sagen “Deine Lippen sehen einladend aus, ich würde sie wirklich gern küssen” ist wahrscheinlich schon ein bisschen besser. (Na gut, es ist nicht perfekt, aber ich schreibe ja auch keine erotischen Romane. Asche über mein Haupt).

Es ist schwierig, Konsens sexy zu gestalten. Wirklich schwierig.

Wenn man normalerweise zu denen gehört, die einen Vorteil aus gewissen Situationen ziehen, ist es leicht zu sagen, dass man die Kunst des erotischen Konsens nicht so schwer findet. Viele Menschen setzen sich einerseits unter Druck, verführerisch zu sein wie ein James Bond, möchten aber andererseits hinsichtlich zweifelhafter Konsens-Entscheidungen nicht unbedingt dessen Beispiel folgen. Dies führt in erster Linie dazu, dass ziemlich viele Leute einfach von vornherein den ganzen Aushandlungsprozess überspringen. Häufig wird einfach eine Art Risiko-Kalkulation betrieben. Auf der einen Seite steht die Frage: “Wie groß sind die Chancen, die Körpersprache dieser Person zu missdeuten?”, auf der anderen Seite steht: “Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, den Moment kaputtzumachen, indem ich mich verbal über die komplette Situation erbreche?” In der Regel ist es leichter anzunehmen, dass man die Körpersprache der anderen Person schon irgendwie richtig gelesen haben wird.

Große kulturelle Veränderungen sorgen immer für Unbehagen, und natürlich machen Menschen dabei auch Fehler.

Nachdem ich begonnen hatte, mich für den sexpositiven Verein zu engagieren, wurde mir eines ziemlich klar: Nicht jeder, der eine Grenze überschreitet, ist gleich ein Sexualstraftäter. Natürlich: Beschissenes Verhalten zu rechtfertigen ist das letzte, was wir wollen. Die meisten kleinen Grenzüberschreitungen jedoch geschehen nicht mit Absicht, sondern einfach wider besseren Wissens. Solcherlei Situationen können verwirrend oder schwierig sein, aber im Endeffekt geben die Meisten von uns ihr Bestes, sich richtig zu verhalten. Denjenigen, die offensichtlich einfach übergriffig sind oder versuchen, Druck aufzubauen, sollten natürlich ganz klar vermittelt werden, dass das nicht geht. In Bezug auf solcherlei Situationen, völlig geschlechtsunabhängig, ist es wichtig, dass wir unseren Mund aufmachen und nicht mehr einfach wegsehen. Es ist trotzdem wichtig, bewusste Übergriffigkeit und Unwissen nicht einfach ineins zu setzen. Zumindest meistens gehe ich ganz gerne davon aus, dass die meisten Menschen es nicht unbedingt darauf anlegen, übergriffige Arschlöcher zu sein.

Obwohl der Großteil der Arbeit in dieser Hinsicht bei den Männern liegt, sind sie damit nicht komplett alleine.

Auch viele Frauen müssen daran arbeiten, ihre Grenzen zu kommunizieren. Ich habe in sicheren und geschützten Kontexten mehr Situationen gesehen als mir lieb ist, in denen es Probleme gab. Weil ein Konsens über etwas erbeten und auch gegeben wurde, es aber dennoch später Anschuldigungen gab, der Konsens sei nicht echt gewesen.

Natürlich ist es nicht immer möglich, Grenzen zu setzen. Manchmal fühlen sich Frauen nicht sicher genug, um “nein” zu sagen. Es ist angsteinflößend, mit jemandem zusammen zu sein und nicht zu wissen, wie die Person reagiert, wenn man ihr Grenzen setzt. Die richtige Entscheidung zu treffen ist ziemlich schwierig, wenn man weiß: Wenn mein Gegenüber jetzt wütend wird, bin ich schutzlos. Es gibt keinen generellen Rat, den man Frauen für solche Situationen geben könnte. Außer eben, dass sie tun sollten, was ihnen in genau diesem konkreten Moment am sinnvollsten erscheint.

Es gibt aber auch viele Situationen, in denen es möglich ist, Grenzen zu setzen. Hier müssen Frauen lernen, wie sie am besten klar und deutlich kommunizieren können. Wir alle haben irgendwann mal jemanden zurückgeküsst, weil wir die Gefühle des Gegenübers nicht verletzen wollten, oder ließen uns von jemandem berühren, weil es einfacher war, als etwas dagegen zu sagen. Ich habe mich selbst einige Male so verhalten. Irgendwann später habe ich es immer bereut.

Wir – jeder von uns – haben viel Arbeit vor uns, wenn wir irgendwann erreichen wollen, dass Konsenskultur Teil der Mainstreamkultur wird.

Das ist sicherlich nicht immer bequem. Es ist aber eben auch nicht so, als wären die letzten Jahrzehnte in Hinblick auf sexuelle Beziehungen immer super einfach und glatt gelaufen.

Konsens ist ein feministisches Anliegen, aber es ist keins, in dem Frauen und Männer in Konflikt miteinander sind, es sollte nicht einmal ein Anliegen sein, in dem irgendwer gegen irgendjemand anderen agiert. Bei Konsens geht es im Grunde um Sex, Liebe und Beziehungen. Es wird uns dabei nirgendwo hinführen, die andere Person als Feind wahrzunehmen.

Bewusstsein über Konsens mag manchmal schwierig sein. Aber wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, unsere Deckung ständig oben haben zu müssen, können wir am Ende alle schöneren, wilderen und freieren Sex haben. Und das mit den Menschen, mit denen wir uns das wünschen. Am Ende wollen wir alle ja genau das, oder?

Das sinnvollste Konsens-Tool, das ich im Laufe der Jahre gefunden habe, ist die “Konsens-Gabel”.
Dabei wird gefragt: Willst du lieber einen Gang runterschalten (eng.:”deescalate”)? Zum Beispiel: “Willst du eine Pause machen”? Oder willst du lieber genauso weitermachen? (eng: “keep going”)? Oder willst du einen Schritt weitergehen? (eng.: escalate) Zum Beispiel: “Wollen wir uns ausziehen?”, oder “Soll ich ein Kondom holen?”.
Das gibt der Person, die gefragt wird, die volle Möglichkeit, eigenständig zu entscheiden, und du als fragende Person gibst ihr die Möglichkeit, mit “ja” zu antworten.

Shauna

 

 

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