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Fuck Penetration!*

Über Sex sprechen ist schwer. Weil es uns manchmal peinlich ist, oder weil wir es nicht unbedingt gelernt haben. Manchmal liegt es auch daran, dass uns die Worte fehlen. Doch wir haben gute Nachrichten: Es gibt ein neues Wort, das das Reden über Penetrationssex verändern wird. Es lautet “Circlusion”. Und ist eigentlich ganz einfach.

Was tun Frauen eigentlich “da unten”?

Mit 14 bot mir ein 17-jähriger Schweizer namens Bernd an einem kroatischen Strand höflich an, mich zu entjungfern. Ich lehnte ab, verbrachte aber noch ein wenig Zeit mit ihm und seinen Freunden. „Hast du überhaupt schon mal Sex gehabt?“ fragte ihn einer seiner jüngeren Kumpels. „Mindestens 250 Mal“, antwortete Bernd abfällig, setzte sich mit dem Rücken zur Gruppe und sah aufs Meer hinaus. Als sein Kumpel ihn nachäffte, warf er ihm einen strafenden Blick zu: „Immernoch besser als null.“ Die Unterhaltung ging noch eine Weile so weiter: Was hast du schon gemacht, was weiß ich, was kann wer, wer ist der Boss. Ich tat so, als würde ich lesen, doch sog jedes Wort neugierig auf. Der unterlegene Junge sagte irgendwann: „Und für Mädchen ist es doch sowieso einfach. Der Mann macht ja die ganze Arbeit.“ Bernd, der eine Weile geschwiegen hatte, erwiderte leise: „Das Mädchen macht das meiste da unten. Das wirst du irgendwann begreifen.“

Danach war ich erstmal ein paar Jahre verunsichert: Was genau tut das Mädchen da unten? Was ist, wenn sie das da unten nicht tut? Fällt das dann auf? Was, wenn ich mit einem Jungen schlafe und das da unten nicht richtig mache?

Die Verunsicherung verschwand in den folgenden Jahren. Ich nahm das Raunen fremder Jungs nicht mehr so ernst, lernte meine Bedürfnisse kennen und entwickelte zunehmend sexuelles Selbstbewusstsein. Dennoch blieb mir immer noch eins: Die Unfähigkeit, ohne große Worte das zu benennen, was „man da unten macht“. 15 Jahre später begegnete mir dann ein Wort, von dem ich schon fast vergessen hatte, das es mir fehlte: Circlusion.

Was ist eigentlich der Gegenbegriff zu “reinstecken”?

Circlusion ist ein Begriff, den die Autorin Bini Adamczak entwickelt hat. Circlusion ist kurz für Circlumzision. Das Verb zu Circlusion lautet circludieren: Er/Sie/Es circludiert. Adamczak schreibt dazu: „Circlusion ist der Gegenbegriff zu Penetration. Beide Worte bezeichnen etwa denselben materiellen Prozess. Aber aus entgegengesetzter Perspektive. Penetration bedeutet einführen oder reinstecken. Circlusion bedeutet umschließen oder überstülpen. That’s it.

Anschauungsmaterial gefällig?

Es gibt sehr viele Vorgänge, die der Circlusion entsprechen. Circlusion findet statt, wenn sich eine Mutter auf eine Schraube schraubt. Oder sich ein Kondom über eine Banane stülpt. Oder sich eine Socke über einen Fuß zieht. Trotzdem kennt unser Sprechen über Sex nur die Penetration. Und das Wort Penetration sagt vieles aus: Wer etwas tut, und mit wem nur etwas getan wird.

Warum wir also um ein Wort, das so einfach ist, so viel Aufhebens machen? Weil es so komisch ist, dass es uns gefehlt hat, ohne dass es uns überhaupt auffiel! Sexmagazine berichten über die „7 besten Stoßtechniken, um SIE zum quietschen zu bringen“, und Frau nimmt laut Cosmopolitan & Co. beim Sex nur dann „die Zügel in die Hand“, wenn sie auf ihrem Partner sitzt. Liegt sie unten, ist sie aber automatisch passiv. Adamczak beschreibt, dass Sex sogar in der queeren und in der Kink-Szene nach dem althergebrachten Aktiv-Passiv-Schema funktioniert: Penetration und Dominanz sind gekoppelt, Penetriert-Werden und Unterwürfigkeit auch.

Bravo Girl, danke für alles, aber du hast mich sexuell verkorkst.

Ich klärte mich zum Thema “Erstes Mal” vor allem durch Dr. Sommer, Bravo Girl und Mädchen auf. Da stand eigentlich meistens mehr oder weniger das gleiche: „Wenn du dich bereit fühlst, lass ihn vorsichtig in dich eindringen. Wenn es weh tut, sag einfach Stop. Wenn du bereit bist, macht weiter.“ Das war alles sicherlich lieb gemeint und begriff sich als pädagogisch wertvoll. Trotzdem erzeugte die Formulierung des „Eindringens“ Angst. Noch dazu sollte nicht nur in meine Vagina eingedrungen werden, sondern in „mich“, also quasi mich selbst. Als Menschen. Überhaupt: Eindringen war kein sonderlich positiv konnotiertes Wort. Eindringling. Einbrecher. Dringlich. Aufdringlich. Kein Wunder, dass so viele meiner Freundinnen aus passiv aktiv zu machen versuchten, indem sie die Angelegenheit rechtzeitig mit einem phallischen Gemüse erledigten.

Das Aufnehmen eines Dildo oder eines Penis ist keine passive Handlung. Sie ist sogar verdammt aktiv.

Das schweizer Online-Sexualaufklärungsmagazin lilli.ch versucht, Mädchen eine umgekehrte Perspektive auf Sexualität näherzubringen. Mädchen und jungen Frauen, die noch keine Erfahrung mit Circlusion haben, wird nicht etwa geraten, einen Finger „einzuführen“. Stattdessen wird beschrieben, wie die Scheide aktiv einen Finger in sich aufnimmt. Durch die Umformulierung von “Eindringen” zu “Aufnehmen” sollen junge Frauen von Anfang an lernen, dass sie es sind, die den aktiven Part ihres eigenen Sexuallebens spielen. Sie sollen nicht mehr lernen, so lange Stop und Go zu sagen, bis sie ihre eigenen körperlichen Widerstände überwunden haben – in Zusammenarbeit mit einem ebenfalls unerfahrenen und verunsicherten Partner.

Ein Dildo/Penis ist kein Gast, und gefickt werden ist keine Gastfreundschaft.

Circludiert wird auch dann, wenn “aktives” und “passives” Verhalten Teil des sexuellen Spiels sind. Etwa bei einer erotischen Massage mit Circlusionsverkehr, oder auch bei BDSM- oder Kink-Spielen. Ob nun die circludierende Person keinen Muskel anspannt, oder ob der circludierende Mensch unter hoher Körperspannung in Fesseln liegt: Er*Sie circludiert. In der BDSM-Szene weiß man übrigens eh, dass der*die Submissive den Ton angibt. Er*sie bestimmt im Grunde die Grenzen und die Richtung des Spiels. Wer erfahren dominant ist, wird das wissen.

Selbst, wenn ein circludierender Mensch bloß daliegt “wie ein Seestern” (ein Zitat unserer Moderatorin Jennifer), bedeutet das immer noch nicht, dass er*sie bloß penetriert wird. Es bedeutet bloß, dass er*sie eben seesternförmig circludiert. Circlusion findet auch statt, wenn die circludierende Person den Begriff Circlusion nicht kennt. Circlusion ist keine besondere Anspannung der Beckenbodenmuskulatur und keine Sextechnik. Es ist eben einfach nur ein überfälliges Wort für etwas, was man gemeinhin “Penetration” nennt.

Was macht sie denn jetzt “da unten”?

Irgendwann dachte ich wieder an Bernd, den höflichen Schweizer. Und seine Worte, dass “Mädchen” “da unten” “ziemlich viel machen”. Nun bin ich wirklich kein Mädchen mehr, mein “da unten” nenne ich einfach Vulva und Vagina, und von irgendwelchen Bernds lasse ich mir schon lange nichts mehr erzählen. Aber die Frage, die er aufgeworfen hat – was mache ich denn nun da unten? – hat mich eben lange umgetrieben. Und je mehr ich über Circlusion nachdachte, desto mehr Antworten hatte ich darauf.

First Step, as always: Konsens.

Als allererstes einigt man sich natürlich immer darauf, dass man Lust auf Penetration/Circlusion hat, und nicht etwa auf knutschen, lecken, streicheln, reiben, massieren. Dieses Übereinkommen heißt Konsens und ist die Grundlage dafür, dass beide Partner*innen aktiv sind. Konsens kann natürlich auch heißen, dass jemand sagt „ich will von dir gefickt werden“. Gefickt werden ist eine sexuelle Vorliebe, die total normal und toll und für viele Menschen befriedigend ist. Aber: Auch, wer gefickt wird, circludiert. Und zwar ziemlich aktiv: Zu sagen „Fick mich“ ist schließlich eine ausgesprochen fordernde und aktive Handlung. Und natürlich kann auch die circludierende Person jemanden Ficken. Zuletzt kann Konsens auch darüber bestehen, dass zwei Menschen miteinander schlafen wollen. Im Wort „miteinander schlafen“ wird schon deutlicher, dass zwei Personen etwas zusammen tun. Circlusion bezeichnet aber alle Optionen: Gefickt werden, ficken, miteinander schlafen.

Little Reminder: Circlusion ist mächtig. Sehr mächtig.

Beginnen wir mit der Vagina. Wenn zwei Menschen dann ficken, miteinander schlafen, also Circlusionsverkehr haben, ist die circludierende Person auf sehr viele Arten aktiv. Sie kommuniziert. Sie bereitet die Situation mit dem Partner oder der Partnerin vor. Ihre Vagina umschließt den Dildo oder den Penis. Um das ganze noch schöner zu machen, benetzt die Vagina sich mit Feuchtigkeit oder auch mit Gleitgel. Die Beckenbodenmuskulatur übt in Wellen Druck aus. Die Beine und Arme ziehen das Gegenüber vielleicht an sich, oder kontrollieren die Distanz. Die Neigung des Beckens bestimmt den Winkel und die Tiefe der Circlusion – und zwar unabhängig davon, ob die glückliche Besitzerin der Vagina nun über, unter oder seitlich zum Partner oder zur Partnerin positioniert ist. Die Bewegungen nicht nur des Beckens, sondern des ganzen Körpers gestalten gemeinsam mit dem Gegenüber den Takt der Circlusion. Jede Frau, die in bestimmten Positionen unter Schmerzen leidet, weiß nochmal ganz besonders: Die Circludierende hat auch schon nonverbal enormen Einfluss darauf, wie, wie schnell, aus welchem Winkel, in welcher Tiefe, in welchem Rhythmus der Sex vonstatten geht. Und jeder Mensch, der einmal rumpeligen, ungelenken Sex hatte, weiß: Es sind immer beide Partner*innen, die darauf einwirken, ob der Rhythmus funktioniert oder scheitert.

It´s not just hetero cis girls fun!

Circludieren kann natürlich nicht nur die Vagina, sondern auch der Mund, der Anus, die Hand. Auch Analsex wird in Magazinen und im alltäglichen Reden über Sex gelegentlich als ein passives Überwinden von Widerständen begriffen. Anale Circlusion ist aber ebenfalls ein extrem aktiver Akt: Der*die Circludierende ist damit befasst, sich und den Anus vorzubereiten, die Muskulatur aktiv zu lockern, um schließlich den Penis, Finger oder Dildo aufzunehmen. Anale Circlusion ist im Grunde meist viel aktiver als anale Penetration.

Warum es trotzdem so schwer ist, statt Penetration “Circlusion” zu verwenden

Sprache ist gelebte Praxis. Das wissen wir auch. Ein Wort wird nicht beschlossen und fortan verwendet, als wärs nichts. Wenn ein Wort niemand kennt, ist es schwer, es zu verwenden. Wenn es anders wäre, gäbe es im Deutschen längst geschlechtsneutrale Pronomen – also solche, die man auch einfach benutzen kann, ohne in Gesichter mit großen Fragezeichen zu blicken. Wenn ein Wort zum Beispiel so stark irritiert, dass es den Großteil der Aufmerksamkeit in einem Text auf sich zieht, ist das ein Problem. Dann kann man sich fragen, ob man nicht doch lieber ein anderes Wort benutzt. Man will sich ja auch nicht immer erklären müssen. Zum Beispiel: Wenn wir ein Video, das früher „Stoßtechniken“ hieß, kommentarlos in „Circlusionstechniken“ umbenennen würden, würden nur besonders wagemutige und neugierige Menschen überhaupt draufklicken. Die meisten würden aber denken: Circlusion? What the fuck. Kenn ich nicht. Mach ich nicht. Klick ich nicht. Ein anderes Beispiel: Wenn das Wort “Circlusion” einfach so in einem Text über Analverkehr benutzt wird, wird es sich so in den Vordergrund drängen, dass der Rest des Textes am Ende in den Hintergrund geriete. Deshalb werden auch wir das Wort nur mit Sternchen und Erklärung verwenden. Und sicherlich werden wir dann und wann auch mal auf das Wort verzichten, wenn wir es eigentlich benutzen könnten.

Wozu also ein neues Wort?

Ganz einfach: Um diesen Artikel schreiben zu können, in dem es um überkommene Vorstellungen von “aktiv” und “passiv” geht. Um eine Diskussion über Sex und Sprache führen zu können. Und um dazu beizutragen, ein notwendiges und schönes Wort bekannter zu machen. Damit es irgendwann niemanden mehr irritiert und nicht mehr erklärt werden muss. Das reicht ja eigentlich, oder?

*”Fuck penetration” ist übrigens auch der Titel eines 2018 erschienenen Albums von Jens Friebe. Es ist sehr gut.

Julia

 

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