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Eine Frau und ein Mann tanzen wild in einem Club

Relationshipgoals-Kolumne #3

Was ist Fremdgehen?

Ein Erklärungsversuch über die schmerzhafteste Erfahrung innerhalb einer monogamen Beziehung

„Ich habe auch gar kein schlechtes Gewissen.” Dieser Satz war es, der mein inneres Kind in eine Art geschockte Ungläubigkeit versetzte, als meine Freundin R. mir detailliert über ihre Untreue berichtete. Sie ist glücklich verheiratet mit zwei kleinen Kinder und hat alles, was man sich wünschen könnte: ein Haus, einen netten Mann, Geld, Liebe, Sicherheit. Wie konnte das sein? “Wie fies!”, dachte ich unwillkürlich. So kannte ich R. gar nicht. Was hatte sie zu diesem Schritt, dieser Aussage bewogen?

Menschen, die vor einem runden Geburtstag stehen, gehen besonders oft fremd.

Ich begann mich intensiver mit den komplexen Strukturen des Seitensprungs zu befassen, der auch Fremdgehen oder Affäre genannt werden kann. Als erstes wurde mir klar, wie schwammig dieser Begriff eigentlich verwendet wird und wie subjektiv das ganze Thema Fremdgehen empfunden wird.

“Ich habe gar kein schlechtes Gewissen.”

Nach einer Studie des Deutschen Ärzteblatts gehen hierzulande etwa 21 Prozent der Männer und etwa 15 Prozent der Frauen in einer festen Beziehung fremd. Relativ viele, jedoch nicht weiter überraschend. Viel spannender erschienen mir die Fragen: Zu welchem Zeitpunkt gehen wir fremd? Gibt es Momente im Leben, in denen man anfälliger dafür ist, dem*der Partne*in derartiges anzutun? Und tatsächlich: Eine Studie der Datingplattform AshleyMadison.comStudie der Datingplattform AshleyMadison.com zufolge, die über 2000 Daten von Mitgliedern des Portals analysiert haben, ergab sich, dass insbesondere Männer und Frauen, die kurz vor einem runden Geburtstag stehen, also 19, 29, 39, 49 oder 59 Jahre alt sind, ihrem oder ihrer Liebsten untreu werden würden. Geht es also womöglich um die gute alte FOMO “Fear of Missing out”, die Angst im Leben was zu verpassen und den damit einhergehenden Aktivismus in Sachen Untreue? Gründe für Seitensprünge gibt es also viele und sie haben nicht immer zwangsläufig direkt etwas mit dem Partner zu tun.

Eine subjektive Schmerzgrenze

Googlet man „Definition Fremdgehen“ erhält man folgendes Ergebnis „Eine außereheliche Beziehung haben“, Alles klar, dann lehnt euch zurück, unverheiratete Lovers, eure Beziehung ist eh unwichtig. Fremdgehen gibt es anscheinend nur in der Ehe! Was für ein Nonsens, dachte ich.

Wenn man bei Wikipedia „Seitensprung“ eingibt, kommt man zu dem Ergebnis, dass mindestens eine der Personen verheiratet oder sich in einer festen „sozialen“ Beziehung befindet, um den Tatbestand des Fremdgehens zu erfüllen. Außerdem muss es sich um eine vorübergehende Phase handeln. Es wird in der Definition ausdrücklich der körperliche Aspekt in den Vordergrund gerückt, genau heißt es bei Wikipedia:

„Ein Seitensprung ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine vorübergehende sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen mindestens eine Person verheiratet ist oder sich in einer sonstigen festen sozialen Partnerbeziehung befindet.“

Gut zu wissen. Es ist klar, dass es sich hierbei scheinbar um eine veraltete Definition handelt, die jedoch im Fall meiner Freundin sogar zutrifft. Um die Frage zu beantworten, wo Fremdgehen anfängt: Das ist so unterschiedlich, wie wir Menschen selbst. Für den einen ist ein Kuss auf einer Party ein absoluter NoBrainer, (Mach dir keine Sorgen Schatz!), der andere packt schon die Koffer, wenn die oder der Liebste beim Sex gedanklich bei einem anderen Objekt der Begierde weilt. Man unterscheidet zwischen rein körperlichem Fremdgehen (sexuelle Handlungen, Geschlechtsverkehr) und emotionalem Fremdgehen (sich in jemand anderen verlieben, Schmetterlinge im Bauch, gemeinsame Unternehmungen mit dem Affärenpartner). Sowohl emotionales als auch körperliches Fremdgehen können sehr schmerzhaft für den oder die andere*n sein. Studien ergaben jedoch, dass emotionales Fremdgehen besonders Frauen mehr verletzt, während bei körperlichen Aktionen “ihrer Frau” Männer mehr durchdrehen. Auch leiden Frauen statistisch gesehen stärker unter dem Betrug. Dazu ein Statement aus eigener Erfahrung: Ich wurde schon betrogen, genauso wie ich (unwissentlich, denn mir war damals nicht bewusst, dass er denkt wir seien schon ein Paar) auch schon mal jemanden betrogen habe. Betrogen zu werden, fühlte sich damals an als würde ich förmlich mein Herz brechen hören. Zumal ich es auch auf eine ziemlich unrühmliche Art herausfand. Doch dazu mehr im dritten Teil meiner Fremdgeh-Kolumne.

Desperate Housewife und unzähmbarer Macho-Man? Klischees machen es sich hier zu einfach!

Oft hört man Sätze wie: „Was für ein Arsch, du hast echt was besseres verdient.“ oder „Wenn Menschen fremdgehen, dann hat schon vorher etwas nicht gestimmt.“ oder ,„Fremdgehen ist purer Egoismus.“. Doch was ist da dran und kann man sich solche Aussagen wirklich so einfach machen?

Es gibt ziemlich viele Klischees übers Fremdgehen, die meiner Meinung nach zu selten hinterfragt werden. Stattdessen werden sie immer wieder einfach nachgeplappert, als seien sie Gesetz. Auch in Filmen werden sie unzählige Male aufgegriffen, pointiert oder kabarettistisch auf die Spitze getrieben. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob man die ganze Sache nicht ein bisschen differenzierter betrachten sollte, als nur schwarz oder weiß, der böse und der gute Cop. Aber irgendwoher müssen die Klischees andererseits auch stammen.

“So verschiebt sich der Fokus. Ich bin viel ausgeglichener und raste zu Hause nicht mehr so schnell aus.”

In Filmen wie Match Point sind männliche Fremdgeher oft unzähmbare, unbelehrbare “Bad Boys” und weibliche Fremdgeherinnen “gelangweilte Hausfrauen”, die sich auf eine Affäre mit dem Gärtner einlassen, wie in Desperate Housewifes. Dann gibt es noch die erfolgreichen Geschäftsfrauen, die aufgrund einer Midlifecrisis ihre eigene Weiblichkeit wieder entdecken wollen oder die Männer, die zu Prostituierten gehen, weil ihre Frau “nicht alles mitmacht”.

Wenn ich in meinem Bekanntinnenkreis herumfrage, wieso sie fremdgegangen sind, kommen tatsächlich relativ klischeebehaftete Aussagen wie “Ich wollte mich wieder als Frau fühlen.”, “Ich will nicht immer nur Hausfrau und Mutter sein.”, “Ich will begehrt werden.”, aber auch vermeintlich positive Auswirkungen auf das Privatleben mit dem betrogenen Partner wie: “So verschiebt sich der Fokus. Ich bin viel ausgeglichener und raste zu Hause nicht mehr so schnell aus.”

Andere Aussagen betreffen eher eine gewisse Sinnsuche, eine Suche nach sich selbst oder werden im Zuge einer Identitätskrise getroffen. Zum Beispiel meinten einige Fremdgeher*innen aus meinem Freundeskreis, dass sie ihre verborgenen Bedürfnisse stillen wollen oder die nach eigenen Aussagen kurz vor einer Lebenskrise (wie Midlifecrisis) stehen, was die oben erwähnte Studie der Dating Plattform bestätigt.

Das politische am Fremdgehen? Es ist Verrat!

Auf Landesverrat stehen mitunter Höchststrafen. Er wird als eine der schlimmsten politischen Sünden gewertet, weil dadurch für das verratene Land schlimme Nachteile und Folgen entstehen können. Genauso wird Fremdgehen oft auch empfunden. Untreue ist ein ganz klarer Verrat an einer Abmachung, die gemeinsam innerhalb einer intimen Beziehung getroffen wurde. Und da fängt das eigentliche Problem an. Diese Absprache, diese Übereinkunft wurde einseitig gebrochen. Geheimnisse und Berührungen, die nur für einen bestimmten Personenkreis (meistens zwei) zugänglich waren, werden nun ohne Wissen des anderen mit jemandem von außerhalb geteilt. Und Zack: Das Vertrauen ist dahin.

“Kurz gesagt: Ich mag Dich einfach, erzähl es aber nur dir, denn schon wenn ich Deine Hand halte, verletzte ich andere.”

Auch interessant ist, wie unterschiedlich Frauen und Männer emotionales und körperliches Fremdgehen bewerten. Männern geht es eher um den “Besitz”, nach dem Motto “Niemand packt meine Frau an”, was auf eine patriarchale Beziehung und tief verankertes Machotum hinweis und Frauen fühlen sich schlechter, wenn ein Mann Gefühle für eine andere Frau entwickelt, also sich zum Beispiel öfter mit jemanden auf einen Kaffee trifft usw., also nicht nur körperlich sondern auch emotional fremdgeht.

Wo hört ein Fehler auf und wo fängt fremdgehen an?

Ein alter und lebenserfahrener Freund von mir, den ich sehr schätze, ist verheiratet und hatte schon unzählige längere Affären. Er sagt: “Liebe und Leidenschaften sind Naturgewalten, denen wir ausgesetzt sind. Mit Moral, Religion und Verboten haben die “Oberen” schon immer versucht, diese Kraft in den Griff zu kriegen. Mit mäßigem Erfolg, sieh dir die Statistiken zu den Fremdgeh-Zahlen an. Die Erfindung der Romantischen Liebe vor 200 Jahren – eine Vorstellung, die bis heute vorherrscht – sorgt für weitere Fesseln. Da Treue und Monogamie immer noch die Idealvorstellung ist, ist der Seitensprung umso verletzender.”. Schnell ist man bei wieder bei Ausreden à la “Ich konnte nicht anders, es ist ein Trieb, der mich überkommt” angekommen, welche zu einfach gedacht sind. Denn was uns von Tieren unterscheidet, ist ja der Verstand, oder? Und die Freiheit Entscheidungen zu treffen, mit der auch die Verpflichtung, die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen, einhergeht.

“Wieso sehen wir in unserern Partner die Aufgabe, alle unserer zahlreichen Bedürfnisse zu erfüllen? Wir müssen selbst ran. #selflove”

Außerdem hier mal eine Aufgabe zum Nachdenken bis zu Teil 2 der Fremdgeh-Kolumne: Wieso sehen wir im Partner die Aufgabe, alle unsere mannigfaltigen Bedürfnisse zu erfüllen? Wir sind dafür selbst verantwortlich #selflove. Trotzdem sollte man natürlich nicht wie ein Megatrampel durch das Leben stapfen und überall verbrannte Erde hinterlassen. Siehe Kant. Selbstliebe darf nicht mit Egoismus verwechselt werden.

Fehler passieren, aber wie geht man dann damit um? Zum Beispiel: Eine Bekannte verliebt sich im Urlaub neu, will ehrlich sein und beendet erstmal ihre aktuelle Beziehung, weil sie denkt, wenn sie schon darauf Lust hat, muss ja auch in der Beziehung irgendetwas nicht stimmen. Also macht sie Schluss, weil sie die andere Person nicht noch mehr verletzen will. Sie hat richtig gehandelt, oder? Doch was ist, wenn man die aktuelle Beziehung nicht aufgeben will und ist Ehrlichkeit beim Fremdgehen wirklich immer das Beste? Was ist, wenn Kinder im Spiel sind und wann lohnt es sich, um die Beziehung zu kämpfen? Mehr dazu nächstes Mal.

 


Lotta lebt seit 4 Jahren in Berlin. Fast genauso lange befindet sie sich bereits in einer festen monogamen Beziehung. Auch darüber hat sie viel zu sagen und zu klagen. Vorher war sie begeisterter Single, hatte Langzeit- Affären, One-Night-Stands und Freundschaft Plussen…darunter auch ziemlich viele Freaks, wie sie heute zugibt. Seit Lotta 30 geworden ist, fangen ihre Sätze oft an mit: “Weißt du noch…” oder “Hätte ich mal…” Sie ist fasziniert von den verschlungenen Wegen der Liebe und hinterfragt gerne gesellschaftliche Perspektiven. Durch ihren Freundeskreis kommt sie immer wieder in Berührung mit alternativen Beziehungsmodellen und mehr oder weniger innovativen Sexpraktiken, über die sie philosophieren kann. 

 

 

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