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Wir sind eben anders. Über Porno und Körperbild.

Barbiepuppen sind glatt und hautfarben, bis man ihnen irgendwann die Haare abschneidet und färbt, sie mit dem Kuli tätowiert, ihre Lippen mit Filzstift grün anmalt, irgendwann sind sie so hässlich wie die alten, und dann ist schon wieder Geburtstag und wir packen eine neue Barbie aus: hautfarben, rein, makellos. Und machen uns daran, sie zu zerstören. Wir wissen so ungefähr, wo die kleinen Geschwister herkommen, und hauen unsere Barbies und Kens aneinander, und das hat nichts, aber auch gar nichts mit Sex zu tun. Das machen Erwachsene eben so. Das wissen wir.

Ich würde jetzt gern sagen, ungefähr so ist Sex in populären Pornos auch, aber das würde der Sache nicht gerecht, denn er ist genau so: Steril, geruchlos, unsexuell. technisch. Faszinierend. Gigantische zartrosa Penisse tauchen in lachsfarbene kleine Vulven, umgeben von völlig haarlosen Oberflächen, Popos zeigen nach oben statt nach unten zu hängen, Brüste haben die Form kondensierter Tropfen auf Fernseh-Coladosen. 

“Sex funktioniert nach dem immer gleichen Schema”

Sex funktioniert nach dem immer gleichen Schema, auf das man Vorlieben bezüglich Unterhosen, Haarfarbe und Szenario unkompliziert anwenden kann: Hautfarbene, glatte Schamlippen umschließen eng einen gigantischen Penis (an dem ein Mann hängt) und fahren Fahrstuhl. Immer schön anschaulich auf und ab, sodass man den Penis bei jeder Bewegung einmal komplett vom Schaft bis vor die Eichel sehen kann.

Der Akt ist vom ersten Blick zwischen der Dame des Hauses und dem heißen Gärtner bis zu des Gärtners Orgasmus vollkommen steril. Ihre Haut sieht aus wie aus Silikon, ihre Brüste sind es. Sein Sperma fließt in Massen, sattweiß und monochrom wie Zuckerguss, den sie sich – natürlich! – aus dem perfekt geschminkten Gesicht leckt, nachdem er mit weiterhin unbewegtem Gesicht sein Soll erfüllt hat.

Das hat mit uns so viel zu tun wie unsere erste eigene Wohnung mit Barbies Traumhaus. Wenn wir vor dem Spiegel stehen, sehen wir Kalbsschnitzel, Sitzsäcke, Mückenstiche und Wasserballons. Wir sehen dreilagige Popos und picklige Rücken. Wir sehen Haare, Krampfadern und Besenreiser. Wir sehen ganze Landkarten. Wir kennen die Chancen und Tücken des einfallenden Lichts im Laufe des Tages und wissen, welcher Spiegel uns was verspricht. Wir ziehen den Bauch ein, wenn wir seitlich davor stehen. Wir blasen ihn fasziniert auf. Wir sind viel zu dick und viel zu dünn. Manchmal beides an einem Tag. Wir machen uns Sorgen über unseren Geruch. Wir hantieren unsere ganze Pubertät hindurch mit Intimlotions und Vaginaldeodorants, weil mal irgendein Junge gesagt hat, „Weiber“ würden nach Fisch riechen. Eine aus der Parallelklasse tat das angeblich wirklich. Außerdem haben wir Dehnungsstreifen. Weil wir Kinder geboren haben. Oder einfach nur, weil wir mit 16 mal für zwei Jahre geschafft haben, dem Schönheitsideal zu entsprechen, und jetzt wieder gesund sind, und eben 20kg schwerer. Essstörungen hinterlassen Narben, genauso wie Unfälle und Krankheiten. Oder einfach das Alter. Wir haben Schamlippen, die zu groß sind und völlig asymmetrisch, und wir pupsen. Ja, wir pupsen. Manche von uns sogar gerne. Wir kommen ohne unseren Vibrator nicht zum Orgasmus. Oder erst nach einer knappen Stunde. Oder wir kommen viel zu schnell. Wir machen uns Sorgen über unser Orgasmusgesicht. Wir sind haarig. Wir brauchen manchmal Jahre, um uns auch bei Tageslicht vor jemand anderem auszuziehen. Wir machen uns Sorgen über wunde Stellen an unserem Anus und stellen fest, dass er braun aussieht, statt roséfarben, und außerdem haben wir jemanden mit nach Hause genommen und uns noch hektisch im Bad trocken rasiert, und deshalb bluten wir jetzt ein bisschen.

So sind wir eben. Wir sind schön.

Anal Bleaching, Schamlippenkorrektur, radikale Ernährungspläne

Zumindest die meisten Erwachsenen wissen heute, dass Anal Bleaching, Schamlippenkorrektur, radikale Ernährungspläne, Brust-OPs und andere invasiven Eingriffe in den Körper in der Mainstream-Pornobranche zum Standard avanciert sind. Besonders junge Menschen laufen aber trotzdem Gefahr, körperliche Ausnahmen zur Norm zu erklären, denn die Norm ist immer das, was nicht benannt werden muss. Es gibt ja das Normale, das so viele Menschen das „Abormale“ nennen, im Mainstream-Porno bereits – aber eben unter Labeln: wer dick ist, heißt BBW, wer älter als 40 ist, wird zur MILF, wer nicht weiß ist, ist „ebony“ oder namenloser Teil eines „mixed racial couple“. Wer aber dünn, sportlich, jung und frei von dem ist, was die Gesellschaft beschlossen hat, „Makel“ zu nennen, ist unmarkiert und genießt das Privileg, einen Namen zu tragen. Heißt „Euphrat“, „Blue“, „Chantal“, „horny Bettina“ oder einfach nur „Hottie“. Und wer ein Mann ist, heißt gar nicht. Männer heißen nicht, sie haben einen Penis. An diesem Penis hängen zwischen 1 und 5 Hotties, Blues, Euphrats und Chantals, die so zierlich sind, dass sie schwerelos von Herrn Penis jeweils dorthin drapiert werden können, wo die Luststange, das Milchbrötchen, der Fahrstuhl, rein raus, ach, ihr wisst schon. Gartenschlauch und Zuckerguss. Inszeniertes Stöhnen.

Wir machen das einfach besser. Wir ächzen beim Orgasmus. Wir schreien. Wir schweigen. Wir sind blind vor Lust, oder wir brechen Sex ab, wir sagen unseren Partnern, dass es okay ist, wenn sie früh kommen, wir nehmen einander in den Arm. Wir riechen nach Sex. Wir sind nassgeschwitzt und haben schwarze Mascara-Ränder unter den Augen. Wir haben rote Wangen und verfilzte Haare. Oder gar keine Haare. Wir haben Liebeskummer, oder wir haben ihn für einen Moment vergessen. Wir sind emotional. Wir sprechen. Wir schlafen. Wir lachen. Wir denken. Manchmal ziehen unsere Partner ein labbriges Kondom ab und verknoten es. Oder wir selbst. Dann laufen sie, oder wir, peinlich berührt ein bisschen im Zimmer auf und ab und der Penis wippt, noch halb erigiert, hin und her. Wir sind eben alle anders.

Wir sind eben alle schön.
Nicht, weil unser Schönheitsideal endlos dehnbar wäre, sondern weil wir hoffentlich irgendwann gelernt haben, mit allen Sinnen zu genießen, statt uns zu perfektionieren. Uns selbst und einander zu lieben, statt nur zu bewundern.

Herrn Penis und Horny Bettina

Man möchte Herrn Penis und Horny Bettina manchmal gern die Haare grün färben und die Haut mit Kugelschreiber bekritzeln, um sie irgendwie zu begreifen. Manchmal sind sie so schwer auszuhalten wie eine Barbie, frisch aus dem Karton, faszinierend sauber und zum Spielen völlig ungeeignet. Sterile Menschen faszinieren mich. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie Sex haben. Echten Sex. In unvorteilhaftem Licht, hässlicher Bettwäsche, mit strähnigem Haar. Sex kurz vorm Einschlafen.

Dass diese Darsteller auch nur Menschen sind, ändert natürlich trotzdem noch nichts daran, dass sie anders aussehen als fast alle von uns. Das ist ihr Beruf. Dieser Beruf bringt aber oft noch ziemlich viele andere Realitäten mit sich, die weder makellos sind, noch steril. Er kann Risiken bergen, an die kein*e Konsument*in gern denkt: Ungeschützten Sex, Geschlechtskrankheiten, soziale Stigmatisierung, schlechte Absicherung und das Diktat, den Körper in seiner Form zu halten oder in eine neue Form zu bringen, wenn es sein muss, operativ. Das ist irgendwie eine ganz andere Realität als die, in der man morgens top gestylt in sonnendurchfluteten Laken davon aufwacht, dass einem die beste Freundin neckisch ein Kissen ins Gesicht haut. Es ist eine Welt, der man weder durch Romantisierung, noch durch Verurteilung gerecht wird, aber mit der man sich vielleicht auseinandergesetzt haben sollte, wenn man ihre Produkte konsumiert.

Wenn alles gut läuft, ist der Plastikporno irgendwann selbst eine Nische. Die ganz normalen Allerwelts-Pornos sind dann die, in denen Frauen* selbstbestimmt ihre Lust ausleben, Frauen, die so unterschiedlich aussehen, wie wir eben sind. In diesen Pornos haben entweder alle Beteiligten aktive Rollen und Rollennamen, oder keiner davon. Menschen, die Trans*, genderfluid oder nichts davon sind, sind kein Fetisch, sondern haben Namen und Rollen, die sie sich selbst ausgesucht haben. Dicke Frauen und Männer heißen nicht „Fattie“, sondern einfach Anna und Arthur. Sie haben keine Skripte, und zeigen die ganze Vielfalt der Körperlichkeiten, sinnlichen Freuden und Spleens. Diese Pornos gibt es ja auch schon, man muss sie nur gründlicher suchen.

“my gf knows what she wants“

Vielleicht ist es aber irgendwann auch im Mainstream normal, dass wir im Porno das sehen, was beim Sex eben passiert: Frauen, die miteinander schlafen, weil sie aufeinander abfahren, und nicht, weil es irgendwelche Männer erregt. Frauen, die sagen „Nee, eher nich, mach mal lieber so, Clemens, ach ja, das fühlt sich gut an“, und Männer, die sagen: „Liebe Anneliese, das ging heute schnell bei mir, was kann ich dir Gutes tun?“. Diese Pornos haben dann Titel wie „Two super hotties finding surprising consent“, „my gf knows what she wants“ oder „Clemens and Peter cuddling very hard“. Und die Plastikpornos? Die finden wir bei Future YouPorn in der Kategorie „Barbies Traumfick.“ Und sie haben Titel wie „super sporty young woman fucking bulky guy with surprisingly long dick“.

Das ist dann selbst ein Fetisch geworden. Vielleicht von Menschen, die ihren Barbies nie die Haare geschnitten und nie die Lippen grün angemalt und nie die Haut mit Kugelschreiber tätowiert haben. Die muss es ja auch geben.