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Ist die Pille für die Tonne?

Warum eines der beliebtesten Verhütungsmittel mehr und mehr in Frage gestellt wird

„Nehmen Sie doch die, die hat den gleichen Wirkstoff, aber kostet die Hälfte“, sagt mein Frauenarzt gelangweilt, als ich nach dem dritten Pillenwechsel innerhalb von zwei Jahren mal das Thema Pille absetzen anspreche. Jedes Mal versucht er mir ein anderes Präparat schmackhaft zu machen: tolle Haut, tolle Haare, günstiger. Bis jetzt hat das bei mir auch immer gezogen: Wer will nicht aussehen wie Heidi Klum für Arme und dabei auch noch größere Brüste sein Eigen nennen?

Wären da nicht die Nebenwirkungen: Ganz abgesehen von einer Gewichtszunahme über 7 Kilo innerhalb weniger Monate, bin ich launisch, aggressiv und laut (wobei ich mir da nicht sicher bin, ob das eventuell einfach mein Charakter ist). Auch Sex ist der reinste Stress, weil ich trocken bin wie Nevada; emotional bereit, aber körperlich überhaupt nicht. Trotzdem: Auch wenn die Pille ziemlich teuer ist, so ist sie dennoch unkomplizierter und günstiger als viele andere Verhütungsmittel, zum Beispiel die 3-Monatsspritze oder die Spirale. In meiner langjährigen Beziehung schien mir das bislang der beste Weg zu sein eine Schwangerschaft zu verhindern, ohne ständig mitten im Eifer des sexuellen Gefechts nach Kondomen kramen zu müssen.

“Auch Freundinnen erzählen Horrorgeschichten von Wassereinlagerungen, Schwangerschaftsstreifen wegen zu schnellem Brustwachstum und sexfreien Monaten aufgrund mangelnder Libido.”

Lange hatte ich also an den kleinen pinken Pillchen festgehalten, wegen der Haut und den Haaren und den Brüsten. Bis jetzt. Es ist nämlich so, dass ich mittlerweile in einem Alter bin, wo die Leute in meinem Umfeld reihenweise Kinder produzieren. Meine Instagram-Timeline quillt über von Babybäuchen, Stramplern und romantischen Schwangerschaftsfotos am See. Von meinen Freundinnen, die im selben Alter sind wie ich, sind 80 Prozent schwanger. All das löste in mir zunächst einen Fluchtreflex aus, schließlich bin ich noch nicht fertig mit jung sein und was wäre, wenn ich nochmal eine Weltreise machen wollen würde? Kinder kommen also erstmal nicht in Frage und so verbrachte ich neulich mehrere schöne Wochen mit Verdrängung und Sommerwonnen bis mir eine Freundin in einer WhatsApp-Nachricht schrieb: „Sag mal, wenn du in den nächsten drei Jahren noch Kinder willst, solltest du aber langsam mal die Pille absetzen.“

Geschockt setzte ich mich im Park auf und griff zu meinem Plastikbecher mit Roséwein. Alle (mein Frauenarzt) erzählen einem doch immer, dass man danach augenblicklich schwanger werden kann: quasi in einem Atemzug mit dem Prozess des Absetzens entwickelt sich bereits ein neues Leben. Dachte ich immer. Nicht verzagen, Google fragen. Es ist ja zunächst klar, dass die Pille Prozesse unterdrückt, die nach dem Absetzen erst mal wieder in ihre natürlichen Bahnen zurückkommen müssen. Nach der Einnahme der letzten Pille ist es wieder möglich, dass eine Eizelle heranreift und ein Eisprung kann somit stattfinden. Die Gebärmutterschleimhaut kann sich vollständig aufbauen und auch der Schleim im Gebärmutterhals ist wieder durchlässig für Spermien. Soweit die Theorie. Wenn man aber, wie die meisten von uns, die Pille seit seinem 14. Lebensjahr durchgehend genommen hat, dauert es bisweilen länger. Auch vom Ausbleiben der Periode über mehrere Zyklen berichten viele. Eine wissenschaftliche Studie der Heinrich-Heine-Universität besagt, dass die Zyklen der Post-Pillen Fälle länger dauern, sich aber Zusehens stabilisieren. Bei einem Großteil der Teilnehmerinnen war der Zyklus nach sechs, spätestens zehn Monaten nicht mehr unterscheidbar von dem der Frauen, die die Pille nicht genommen hatten. * Mein Entschluss, die Pille abzusetzen, stand also fest.

Was passiert nach dem Absetzen

Wenn du dich entschließt, nach Jahren die Pille abzusetzen, brauchst du zunächst mal eine gute Beratung. Langsam erkenne ich jedoch, dass mein Arzt mir bei meiner Entscheidung kein guter Ratgeber sein wird. Er verweigert schlichtweg die Unterstützung. Bekommt er vielleicht Prozente dafür, dass er Frauen „drauf bringt“? Höchstwahrscheinlich schon. Viele Ärzte arbeiten mit der Pharmaindustrie zusammen und bekommen Boni. Das Problem des hormongeplagten Individuums steht dabei hinten an.

Die Umstellung des Körpers nach dem Entzug der Hormone wirkt sich von Frau zu Frau verschieden aus. Manche merken gar keinen Unterschied. Andere wiederum bekommen viel schneller fettige Haare, schlechte Haut bis hin zu Akne und kleinere Brüste. Das stört und verunsichert zunächst. Die Regelschmerzen werden wieder schlimmer und die Regel dauert länger. Doch alle Freundinnen, die ich gefragt habe, berichten, dass sie sich freier fühlen und nun einen besseren Zugang zu ihrem Körper haben, ja seine Signale besser deuten können. „Es ist als sei man jahrelang „von seinem“ Körper entfernt gewesen“ beschreibt meine Freundin S. die Umstellung. Es habe aber lange gedauert. Bei manchen über ein Jahr, bis das Leid der unreinen Haut und der unregelmäßigen Perioden sich gegeben habe.

Und die Libido?

„Die ist Bombe, ich war spitz wie Lumpi und habe meinen Freund fast angesprungen., höre ich. Ok, cool. Ich freue mich schon. Vorbei sind hoffentlich die zähen Zeiten der schnarchigen 10 Minuten – Missionarsstellung am Abend. Libidoverlust kann für die Beziehung eine ganz schöne Belastungsprobe darstellen.

Doch welche Alternativen gibt es?

Doch wie verhüte ich dann? Natürlich gibt es weit mehr schonende Alternativen zur Pille, bei denen die Hormone lediglich lokal wirken, trotzdem wäre ich dann wieder “drauf“. Einfach ein Kondom benutzen oder auf die Spirale umsteigen, erscheint als hinnehmbarer Ersatz. Zu den nicht hormonellen Methoden gehört die Kupferspirale und, noch aktueller, die Kupferkette. Diese Methode eignet sich besonders für Frauen, die in den nächsten drei Jahren nicht an Familienplanung denken. Der T-förmige Kunststoffkörper ist etwa 2,5 bis 3,5 Zentimeter lang. Am Schaft ist er mit einem dünnen Kupferdraht umwickelt, der kontinuierlich kleinste Mengen an Kupfer abgibt. Die Kupferionen verändern das Milieu in der Gebärmutter sowie den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Das stört die Samenzellen in ihrer Beweglichkeit, so dass eine Befruchtung nicht zustande kommen kann. Wenn es eine Samenzelle doch bis zu einer Eizelle geschafft hat, kann sich das befruchtete Ei nicht einnisten. Diese Veränderungen bilden sich zurück, sobald der Arzt die Spirale wieder zieht. Schon einen Monat später kann frau theoretisch schwanger werden. Es wird aber davon berichtet, dass dieser Eingriff sehr schmerzhaft sei. Eine Freundin von mir hat sich die Kupferspirale sogar unter Narkose einsetzen lassen und dafür viel Geld bezahlt.

Dann wäre da noch die so genannte “Natürliche Familienplanung”: Wenn du einen latenten Kinderwunsch hast und nichts dagegen, dich jeden Tag mit deinem Körper und fruchtbaren Tagen zu beschäftigen, ist diese Methode vielleicht die richtige für dich. Aber Vorsicht: Natürliche Familienplanung erfordert viel Selbstdisziplin und Eigenverantwortung. Wem das zu aufwändig und umständlich erscheint, läuft Gefahr, dass die Methode versagt.

Fun Fact: Männer würden die Pille niemals nehmen

Schon in mehrere Studien wurde ein Pillen-Äquivalent an Männern getestet. Zunächst schien alles erfolgreich. Doch die Ärzte konnten die Patienten nicht weiter behandeln, weil sie sich schlecht fühlten und aufhören wollten, so der zuständige Forschungsleiter. Wegen der übermäßigen Nebenwirkungen brachen die Verantwortlichen die Behandlung schließlich ab und die hormonelle Empfängnisverhütung für den Mann wurde bis auf Weiteres vertagt. Und zwar nur, weil die Teilnehmer die gleichen unerwünschten Nebeneffekte an sich beobachteten, mit denen Frauen sich seit Jahrzehnten herumschlagen. Der Androloge und Endokrinologe am Institut für Reproduktionsmedizin, Michael Zitzmann ist sogar der Meinung, dass unter heutigen Bedingungen auch die Antibabypille auf Grund ihrer Nebenwirkungen wohl niemals zugelassen worden wäre. In den 1960er Jahren waren die Vorschriften jedoch weit weniger streng als heute.

Trotzdem muss man die Pille nicht nur verteufeln. Sie war damals ein entscheidender Schritt in Sachen weibliche Emanzipation und Gleichberechtigung.

“Wissen Sie was, wie wär’s wenn Sie einfach mal diese Pille zum halben Preis mit demselben Wirkstoff nehmen? Und dann können Sie sich auch gleich von Ihrem Umfeld die Sprüche über Ihre Stimmungsschwankungen und unschönen Ödeme anhöre.” Wutentbranntes Türknallen meinerseits.

Das hätte ich gesagt, wenn mein Leben ein Film wäre. In der Realität suche ich mir einfach einen anderen Arzt.

Unter allen Erfahrungsberichten und Gesprächen, die ich zu dem Thema geführt habe, gab es auch einige, die sehr zufrieden waren und bei denen die Pille sogar zu einer stabileren Psyche geführt haben soll. Der Zusammenhang zwischen einigen Nebenwirkungen wie Depressionen und Einnahme der Pille lässt sich teilweise nicht eindeutig wissenschaftlich belegen. Man kann also sagen, dass die Pille wohl besser als ihr aktueller Ruf ist. Trotzdem sollte jedes Individuum, das glücklich sein will, sich nicht jahrelang entfernt von seinem Körper fühlen müssen …


* https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-2578/578.pdf

 

Lisa