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Richtig streiten lernen – “Ich gehe jetzt und nehme die Katze mit !” 

Jeder kennt das: zu Hause fliegen die Fetzen. Manchmal nicht nur die, sondern auch wahlweise Tassen und Teller durch die Gegend. Geschrei, Geheule, Türen knallen, Tränen fließen…
Muss Streit so ablaufen? Vielleicht schon. Es gibt gute Arten von Streit. Wenn ihr es richtig macht, kann streiten sogar euer Sexualleben bereichern.

Um Auseinandersetzungen kommt ihr im Leben nicht drum rum. Schon gar nicht in einer Beziehung. Hier tritt Streit meistens erst auf, wenn man die erste Verliebtheit hinter sich hat, denn streiten setzt ein gewisses Maß an Intimität voraus. Die rosarote Brille ist plötzlich beschlagen und die Idealisierung des Partners oder der Partnerin bröckelt. Auf einmal ist er auch nur noch ein Mensch. Ein großartiger zwar, aber ein Mensch mit Fehlern. Die gute Nachricht: Richtig Streiten kann man lernen. So verlaufen Streits weniger destruktiv.

Typische Streits entstehen häufig, wenn einer Person etwas wichtig ist, was der anderen Person banal erscheint. Durch Kleinigkeiten können schmerzhafte Erinnerungen ausgelöst werden, von denen der*die Partner*in gar nichts weiß. Oder über die wir uns selbst nicht im Klaren sind. Aufgrund unserer Sozialisation und den Erfahrungen unseres Lebens bewerten wir Situationen unterschiedlich. Was für den einen der totale Faux-Pas ist, findet manch einer vielleicht gar nicht so schlimm. Wichtig ist, die Reaktionen des anderen richtig einzuschätzen zu lernen.

Die Basics : Gibt es ein Kommunikations-Geheimtool?

Viele von euch fragen sich jetzt: Wie kann ich streiten lernen? Wie löse ich meine Beziehungskrise mit Kommunikation? Man hört es immer wieder, aber es stimmt: Redet miteinander! Kommuniziert eure Bedürfnisse! Lange Zeit galt die so genannte Ich-Botschaft als das Geheimtool schlechthin, um Dynamiken endloser gegenseitiger Anschuldigungen und Vorwürfen zu vermeiden. Zurecht?

Eine Ich-Botschaft zu senden, bedeutet, dass man dem*der Partner*in nicht ewig vorhält, was er alles falsch gemacht hat. Stattdessen erklärt man ihm: Wie geht es mir damit? Ein Beispiel: Statt zu sagen “Immer gehst du lieber auf diese dämlichen Partys mit deinen dämlichen Freunden”, kann man sagen: „Ich wünsche mir mehr Zeit mit dir.“ (Natürlich nur, wenn das auch wirklich so ist) Aber Obacht: Nur ,weil ihr sagt „Ich finde, dass du ein Vollhorst bist“, ist das auch nicht viel besser, als einfach „Du Vollhorst“ zu sagen. Von sich selbst auszugehen ist keine Grammatikregel, die man auf alles anwenden kann, sondern eher eine Art, zu zeigen: „Hey, mich stört oder verletzt gerade etwas und das muss gar nicht an dir liegen.“

So fühlt der andere sich nicht in der Position, sich verteidigen zu müssen. Denn das ist bei einer Anschuldigung natürlich so etwas wie ein Reflex – gerade, wenn die Stimmung ohnehin schon aufgeheizt ist. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass ihr euch mit euren Bedürfnissen auseinandersetzt. Vielleicht wollt ihr selbst gar nicht wahrhaben, dass ihr unzufrieden mit eurem neuen Job seid, weil er euch als Paar Zeit klaut. Oder ihr findet die Freunde gar nicht „dämlich“, sondern seid in Wirklichkeit eifersüchtig, dass ihr nicht eingeladen wurdet usw. Es gibt Wahrheiten über euch selbst, die eventuell sehr nervig sind.

Was ist, wenn ich aber doch Recht habe? (verdammte Axt!)

Ja ok, manchmal habt ihr auch Recht. Wenn ihr wütend seid, seid ihr wütend, und wenn euer*eure Partner*in etwas falsch gemacht hat, dann fangt nicht an mit: „Also ich fühle mich ganz komisch damit, dass du immer so cholerisch bist und nie sauber machst“ Lernt, wann es besser ist, direkt zu sein. Manchmal wirken Ich-Botschaften auch unehrlich und aufgesetzt. Gerade, wenn der*die Partner*in wirklich was verkackt hat, sollte man es benennen. Ein einfaches Beispiel wäre: “Ich fühle mich ein bisschen komisch damit, immer deine dreckigen Teller abzuwaschen und deine dreckigen Socken einzusammeln.” Das ist natürlich Schwachsinn.  Da sollte man ehrlich mit sich und dem anderen sein und einfach sagen: “Ich bin hier nicht deine Hausfrau, Bürschchen.”

Es ist wichtig, beim Streiten nicht um den heißen Brei zu reden. Wenn es einen Streitpunkt gibt, dann streitet, um diesen zu klären und nicht, um ihn zu vermeiden.

Kompromisse finden

Findet einen Kompromiss! Wenn ihr ständig Streit in der Beziehung habt, der sich um unnötige Kleinigkeiten dreht, liegt es vielleicht daran, dass ihr beide zu unnachgiebig seid. Kompromisse bedeuten, sich entgegen zu kommen. Damit zeigt man dem anderen, dass es nicht egal ist, was er sich wünscht. “Gesund streiten” bedeutet, dass man die Bedürfnisse des anderen nicht abkanzelt oder herunter redet, sondern ernst nimmt.

Ein Beispiel für einen klassischen Kompromiss: Person A regt sich darüber auf, dass Person B nie mit auf Familienfeiern kommt, Person B findet sein Wochenende heilig und hat keine Lust, auf allen Hochzeiten zu tanzen, im wahrsten Sinne! Was nun? Man könnte ausmachen, dass Person B nur einmal im Monat mitkommt und den Rest der Wochenenden seine Ruhe vor dem Familientrubel hat. Auf diese Weise ist Person A nicht mehr so unzufrieden und kann vor ihrer Familie mit dem*der Partner*in angeben und Person B kommt Person A entgegen. Happy ending so far. In gesunden Beziehungen können beide Personen ihre Maßstäbe anlegen, auch wenn der andere diese nicht teilt.

Zuhören ist nicht unbedingt zustimmen

Achtet darauf, wer wie viel Redezeit hat. Wenn in einer Auseinandersetzung nur eine Person spricht und die andere nicht zum Zug kommt, dann läuft etwas schief. Außerdem: anschreien ist erlaubt, beleidigen nicht. Unter Schluchzen Anschuldigungen hervor zu bringen führt in diesem Moment zu nichts. Sagt lieber nichts, was ihr später bereut. Genauso falsch ist es jedoch, zu schweigen und alles in sich rein zu fressen.

Dann geh doch weg mit deinen fettigen Haaren, du Lauch!! – Werdet nicht persönlich

Beleidigt einander nicht, vor allem nicht unter der Gürtellinie. Macht euch nicht über die Schwächen des anderen lustig. Es gibt Dinge, die aus Impulsivität entstehen und sehr verletzend sind. Solche Worte könnt ihr nicht so schnell wieder zurücknehmen. Ihr solltet deshalb niemals, wirklich niemals ausnutzen, dass ihr die wunden Punkte des Anderen kennt. Das ist ein Streit. Ihr seid in einem Ausnahmezustand. Aber ihr liebt diesen Menschen nicht ohne Grund, oder? Und ein Streit geht auch vorbei. Verletzungen hinterlassen unschöne Spuren. Ihr habt also auch eine gewisse Verantwortung füreinander, wenn ihr gerade richtig wütend seid.

Verlasst das Haus! Sofort!

Damit kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt: Abstand! Wenn die Luft dick ist und ihr nur noch alles kurz und klein schlagen wollt, macht eine Pause! Auch wenn ihr denkt “Aber ich habe doch Recht, das muss er doch begreifen”: Macht einfach eine Pause! Vielleicht ist euer*eure Partner*in gerade auch so wütend, dass er für eure “Argumente” nicht mehr empfänglich ist.

Verlasst besser die Situation. Wut verraucht schnell, wenn sie nicht gefüttert wird. Wenn ihr euch eine Auszeit nehmt, solltet ihr etwas tun, was euch beruhigt. Manche gehen joggen, andere hören Musik, andere checken Facebook oder hauen sich einen Döner rein. Bitte versucht nicht von unterwegs eurem*eurer Partner*in WhatsApp-Romane zu schreiben. Wenn ihr weg seid, beschäftigt euch erstmal mit etwas anderem oder vermeidet zumindest direkte Kommunikation mit ihm. In besonders schlimmen Fällen hilft es auch, woanders zu übernachten, falls ihr zusammenwohnt. Lasst euch ruhig Zeit. Jetzt nachzutreten wäre ein Fehler.

Ihr habt euch beruhigt? Cool, jetzt heißt es nachdenken

Selbstreflexion ist wichtig. Wenn ihr wieder klar denken könnt, solltet ihr vielleicht nicht nur über das nachdenken, was euer*eure Partner*in da wieder verbockt hat, sondern auch über das, was ihr selbst vielleicht anders hättet machen sollen. Das ist ein guter Anfang, um zu verhindern, dass sich derselbe Streit wieder und wieder wiederholt. Manchmal kommt man nach Hause, schaut sich an und muss lachen. Und die Sache ist gegessen. Leider ist es nicht immer so einfach. Bei tiefer liegenden Konflikten solltet ihr euch aussprechen. Wieso nagt dieses Thema so an euch? Was könnt ihr beim nächsten Mal besser machen? Wie kann man diesen Streit vermeiden? Es kann extrem hilfreich sein, zu einer gemeinsamen Ansicht darüber zu kommen, wieso es an dieser Stelle so geknirscht hat. Das bedeutet dann auch nicht das bedeutet nicht, die Ansicht des anderen zu übernehmen, sondern gemeinsam herauszufinden, was der Kern und Auslöser des Konflikts sind.

Streit in der Beziehung vermeiden, geht das überhaupt?

Nein. Man kann aber vermeiden, dass jedes Mal etwas kaputt geht. Und sei es euer Herz. Man kann auf Augenhöhe streiten. Man kann aus Dramen Diskussionen machen. Aus Konflikten Meinungsverschiedenheiten. Versucht herauszufinden, worin ihr euch uneinig seid, um dann darüber zu sprechen, wie ihr aufeinander zugehen könnt. Wenn ihr euch über eine falsch ausgedrückte Zahnpastatube gestritten habt, könnte es übrigens sein, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Erforscht die wahren Gründe. Traut euch, ehrlich zu sein!

Bleibt euch treu (und wenn ihr in einer monogamen Beziehung seid, bitte auch eurem*eurer Partner*in)

Steht zu euch selbst. Es ist lobenswert, dass euch der Friede so wichtig ist, aber nehmt euch selbst immer genauso ernst wie den Anderen! Runterzuschlucken und Reinzufressen ist auf Dauer extrem frustrierend und Gift für euch selbst und eure Beziehung. Ihr verbittert auf diese Weise nur.

Wir schaffen das nicht allein! Wann es sinnvoll ist, Hilfe zu holen

Diese Regeln sind natürlich unvollständig und eignen sich für Beziehungen, die grundsätzlich von gegenseitigem Respekt geprägt sind. Falls euer Problem tiefer liegt und die immer wieder kehrenden Streits eure psychische und körperliche Konstitution beeinträchtigen, braucht ihr vielleicht Hilfe.

Streits können auch zermürbend, frustrierend und seelisch extrem belastend sein, und manchmal findet man den Weg aus dieser Dynamik nicht mehr selbst. In diesem Fall kann eine Paartherapie helfen, Knoten zu lösen. Voraussetzung dafür ist, dass die Liebe nicht gestorben ist. Kein Tutorial der Welt kann ganz konkrete Konfliktdynamiken verstehen individuell lösen. Wenn seelische Probleme belastend werden, sollte man auf jeden Fall Hilfe suchen. In unseren Beratungsangeboten findet ihr Seiten, Nummern und Adressen, die euch weiterhelfen könnten. Wichtig ist auch, dass beide wollen. Alleine kann man keine Beziehung retten. Traurig, aber wahr.

Was ist, wenn ich in einer destruktiven Beziehung gefangen bin?

Ihr seid euch grade gar nicht sicher, ob ihr diese Beziehung überhaupt noch wollt? Ihr seid todesunglücklich? Ihr habt sogar Angst vor eurem*eurer Partner*in oder ihr wisst nicht, wie ihr mit einer Trennung umgehen könntet?

Wenn Angst der Grund dafür ist, in Streits nachzugeben, ist das ein ernstes Problem. Euer*eure Partner*in sollte niemals so dominant sein, dass ihr Angst habt, eure Meinung zu sagen oder ihn zu verärgern. Eine Grenze ist auch dann überschritten, wenn es zu körperlicher oder seelischer Gewalt kommt. Wenn ihr Hilfe braucht, oder nicht wisst wie ihr eure Situation bewerten sollt, wendet euch an spezielle Beratungsstellen, die anonym und oft auch am Telefon beraten.

 

Lisa