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“Lächel doch mal”: Über Flirten und Respekt

Im Zentrum…

… eines jeden Flirts steckt ein Widerspruch: Ob es nun auf spontanen Sex oder ein Date hinausläuft: Flirten bedeutet gemeinsam gewisse Grenzen zu überschreiten. Aus völlig Fremden, die noch den Regeln der höflichen Distanz unterworfen sind, werden in kurzer Zeit Vertraute. Gerade diese Ungewissheit ist es, die den besonderen Reiz der spontanen Begegnung ausmacht. Gleichzeitig erfordert das Überschreiten von Grenzen immer auch Konsens. Konsens bedeutet, dass beide Personen wissen, was sie und der andere wollen. Und darauf gemeinsam Lust haben. Der Natur des Flirtens entsprechend kennt man einander jedoch nicht gut genug, um Konsens verbal zu verhandeln: Klare Nachfragen wie „Darf ich mit meinem Stuhl 2 cm weiter in deine Richtung rücken?“ können in gewissen Situationen zwar ganz gut ankommen, müssen es aber nicht. Und bei jedem Schritt der Annäherung eine mündliche Anfrage zu stellen, nimmt einem aufregenden Flirt den Reiz.

Wenn der ganze Körper kommuniziert

Also sind es viel mehr Gesten, Blicke und Andeutungen, mit denen man im Flirt kommuniziert, wie weit der Andere gehen darf. Diese Art der Kommunikation ist ein Spiel, das viel Gespür, Empathie, Respekt und Selbstvertrauen abverlangt. Im besten Falle funktioniert die nonverbale Kommunikation zwischen zwei Menschen so gut, dass Missverständnisse über das, was der Andere will, fast auszuschließen sind. Man kuckt sich in die Augen, es knistert, man lächelt, die Hände berühren sich, es nimmt seinen Lauf. Das Zusammenspiel aus Sicherheit und Ungewissheit kann berauschend sein. Doch manchmal, oder fast immer, ist alles ein bisschen komplizierter. Dann ist es schwerer einzuschätzen, ob die andere Person Signale sendet, und welche das sind. Manchmal hat man Angst, jemandem zu nahe zu treten. Und manchmal, oder ziemlich oft, ist man mit Menschen konfrontiert, denen diese Angst leider fehlt.

Wie kann man nach #metoo eigentlich noch Sex haben, frage ich mich?

In den vergangenen Jahren wurde durch Debatten um #aufschrei, #metoo und co. die Erkenntnis laut, dass persönliche Grenzen immernoch allerorts unter Beschuss stehen. Hauptsächlich Frauen* und Transpersonen nutzten das mediale Empowerment unter anderem, um vieles, was unbescholtene Cis-Männer* vielleicht bis dato als „Flirten“, „Erobern“ oder vielleicht einfach nur „normalen Umgang“ begriffen hatten, in ein Kontinuum der Grenzverletzungen einzuordnen. Die Reaktionen folgten auf dem Fuße: Frauen wurden frustrierend berechenbar zu hysterischen Feministinnen und pflichtschuldigen Prostituierten erklärt, in Facebookpostings, auf Twitter und in großen Tageszeitungen unterstellte man den beteiligten Frauen Lustfeindlichkeit, Denunziationswillen, Weinerlichkeit oder unnatürliche Härte. Männer jammerten ausgiebig, Frauen hätten den Zugang zur Weichheit des eigenen Geschlechts verloren und würden sich schon fast aufführen wie Männer (Gott bewahre!). Mitunter konnte man lesen, die Flut an Äußerungen zum alltäglichen Sexismus würde eine Relativierung „echter“ Übergriffe bedeuten, und zumindest die klassische Fremder-Mann-aus-dem-Gebüsch-Vergewaltigung, da war man sich auch unter Männern einig, sei moralisch ja schließlich zu ächten.

Nicht #metoo hat das Flirten so schwierig gemacht. Das waren Männer.

Gekränkte und verunsicherte Männer trieb also plötzlich die Frage um: „Wie zur Hölle soll man nach #metoo eigentlich noch flirten?“ Mann wurde quasi aus dem Nichts mit einer bösen Ahnung konfrontiert: Frauen, durch das Internet plötzlich frigide geworden, wussten altbewährte Annäherungen á la „He, du da! Bleib doch mal stehen! Ich wollte dir nur sagen, dass du unheimlich hübsch bist! Hey, nicht so schnell, wo willst du hin? Wie heißt du? Lächel doch mal!“ nicht mehr zu schätzen. Und so stand Mann stand ganz erschüttert vor der Frage: “Was zur Hölle ist jetzt eigentlich noch erlaubt?”

An dieser Stelle bliebe festzuhalten: Wenn sich mehr Männer auch schon vor #metoo mit ein paar grundlegenden Fragen zum Thema Respekt und Grenzen auseinandergesetzt hätten, wären ihnen all die Hashtags vermutlich erspart geblieben. Und: Solange der Stereotyp des aktiv erobernden Mannes und der geschmeichelten, gefügig gemachten Frau nicht vollends ausgestorben ist, werden Frauen* wohl oder übel laut und nervig ihr Recht auf Respekt einfordern. Eins kann man schließlich der Masse der #metoo-Kritiker nicht oft genug vor Augen führen: Frauen, die sich wehren, sind weder allgemein männerfeindlich, noch handeln sie aus purer Lust an der Denunziation. Sie haben einfach nur die Schnauze voll von einer Realität, die für viele Männer offensichtlich unsichtbar ist.

Was heißt das, wenn wir über das Flirten sprechen?

Dass man Frauen nicht zum Lächeln auffordert und mehr oder weniger dezent verstörende Anmachsprüche ausgedient haben, dürfte eigentlich klar sein. Dass Berührungen Konsens erfordern und Machtpositionen nicht ausgenutzt werden sollten, um Sex zu erpressen, leuchtet ebenso recht unmittelbar ein. Doch wenn man sich erstmal darauf geeinigt hat, dass Annäherungen aus sexuellem Interesse und Respekt Hand in Hand gehen sollten, stellen sich noch den aufgeklärtesten und fortschrittlichsten Männern und Frauen mitunter große Fragen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, noch ein Disclaimer: Natürlich wird ein Bild, nach dem Frauen* durchweg hilflose Opfer und Männer* ausnahmslos ungelenke Rüpel sind, der Realität nicht gerecht. Natürlich leiden auch Männer unter Unsicherheiten, Selbstzweifeln und Ängsten, und natürlich gilt es, diese ernstzunehmen – wenngleich dies nicht unbedingt in der Verantwortung von Frauen liegt. Selbstverständlich gibt es auf der anderen Seite Frauen, die Männer mutwillig verletzen. Und nicht zuletzt gibt es auch Frauen, die beim Flirten übergriffig werden und Grenzen missachten. Wir wissen das. Weiter im Text.

So. Wie kann man also lernen, konsensual und respektvoll zu flirten? Beginnen wir mit der schlechten Nachricht: Es gibt keinen Masterplan für den gelungenen, respektvollen Flirt. Wir alle, egal welchen Geschlechts, haben Verletzungen verschiedener Art erfahren, wir alle nehmen unterschiedliche Verhaltensweisen ganz unterschiedlich wahr, wir alle haben unterschiedliche Grenzen und Bedürfnisse. Dementsprechend ist der respektvolle Flirt kein Schema. Flirten lernen bedeutet vielmehr immer wieder herauszufinden, wie das eigene Handeln auf das Gegenüber wirkt. Es bedeutet, die Grenzen der anderen Person einschätzen zu lernen und ein Nein akzeptieren zu können, ohne die andere Person abzuwerten. Es bedeutet, ein Ja zu schätzen zu wissen. Es bedeutet, sich selbst immer und immer wieder zu hinterfragen. Und für Männer bedeutet es ganz grundsätzlich, zuzuhören, wenn Frauen über ihre Erfahrungen mit unangenehmen Anmachen und übergriffigem Verhalten sprechen.

Andere Erfahrungen, andere Reaktionen.

Wenn man nämlich über Konsens spricht, also die einfache Tatsache, dass ungefragte Berührungen und unangemessene Annäherungen unterlassen werden sollten, gibt es oft den einen Klugscheißer, der ruft: „Also ich als Mann fände es überhaupt nicht schlimm, wenn eine Frau ein bisschen rangeht. Wenn mir eine hübsche Frau im Club an den Po greift, freu ich mich doch und mach nicht gleich ein Fass auf!“

Es mag dann sein, dass er Recht hat. Doch sogar, wenn seine Aussage auf 80% der Männer zuträfe, was zu bezweifeln ist, gälte immer noch: Statistiken belegen eindeutig, dass Frauen* und Transpersonen einem signifikant höheren Risiko ausgesetzt sind, Opfer von verbalen und körperlichen sexualisierten Übergriffen zu werden als Cis-Männer. Dies soll keinesfalls den Unterschied zwischen einer plumpen Anmache und einem sexuellen Übergriff relativieren. Zusammenhänge gibt es jedoch trotzdem. Gerade bei Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, kann der ganz gewöhnliche Alltagssexismus zum Auslöser traumatischer Erinnerungen werden. Und viele Frauen, die keine Gewalterfahrung machen mussten, kennen zumindest eins: Die Angst.

Auch die Menge macht’s.

Die wenigsten Männer kennen das den meisten Frauen bekannte Gefühl, im Club eine fremde Hand an der Taille („darf ich mal kurz vorbei“) oder eine Erektion am Po („hä, hast du mir nicht so nen Blick zugeworfen vorhin?“) zu spüren. Viele von ihnen wissen nicht, wie es ist, in kurzer Sommerkleidung an einer Gruppe Männer vorbeizulaufen, die sie mit Blicken ausziehen. Sie haben es nicht erlebt, als „Schlampe“ oder „Fotze“ bezeichnet zu werden, weil sie die schmierigen Avancen eines Fremden abgewehrt haben, dessen Freundlichkeit sich innerhalb einer Sekunde als reine Masche entpuppt hat. Sie wurden nie wegen knapper Kleidung als Hure beleidigt oder selbst für einen Grabscher verantwortlich gemacht. Sie bekommen keine ungefragten Dick Picks zugeschickt und kriegen nachts alleine auf der Straße kein Herzrasen, wenn ein Typ von hinten immer näher kommt und sie schließlich mit den Worten antippt: „Hey, du bist voll hübsch. Was machst du heute noch?“ Ein Mann kann sich genau dann freuen, objektiviert zu werden, wenn er nicht erfahren hat, wie belastend die permanente Objektivierung durch Männer ist.

Cis-Männer und Frauen* haben in einem Flirt völlig unterschiedliche Voraussetzungen und besitzen oft nicht die gleichen Möglichkeiten, Begegnungen unbeschwert wahrzunehmen.

Eine Grundregel ließe sich daraus ableiten: Männer sollten es in jedem Fall ernstnehmen, wenn Frauen* über ihre Erfahrungen mit dem ganz normalen Alltagssexismus sprechen. Dann gilt es das eigene Verhalten zu hinterfragen. Frauen* sind sicherlich keine schuldlosen Opfer, sie sind weder hilflos noch zur ewigen Passivität verdammt, sie sind keine Lämmchen auf der Flucht vor dem bösen Wolf. Sie sind nicht schwach. Es kann aber sehr gut sein, dass sie verdammt genervt sind. Weil es einfach anstrengend ist, immer wieder irgendwelche Typen in die Grenzen zu weisen. Auch dann übrigens, wenn sie eigentlich selbst Lust auf einfachen und unbeschwerten Sex mit einer spontanen Bekanntschaft hätten.

Und jetzt die gute Nachricht:

Flirten muss kein Minenfeld sein. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen* haben Lust auf Spontanität, Sex und Vertrautheit. Und respektvolles Verhalten erlernt man vor allem, indem man Respekt vor anderen Menschen hat. Respekt bedeutet zum Beispiel, Menschen nicht nur als Sexobjekt zu sehen, selbst dann, wenn man “nur” auf Sex aus ist. Ein Quickie auf der Clubtoilette kann für alle Beteiligten ein befriedigendes und aufregendes Erlebnis sein, wenn zuvor verbal und nonverbal die Bedürfnisse und Grenzen kommuniziert wurden. Auch bei One-Night-Stands gilt: Es ist völlig in Ordnung, ein vorrangig sexuelles Interesse an einer Begegnung zu haben – sofern dies dem Gegenüber kommuniziert wurde. Und man einander trotzdem als menschliche Wesen mit ihrer eigenen Biographie, Bedürfnissen und Interessen wahrnimmt. Das bedeutet zum Beispiel auch ganz einfach, eine Person noch freundlich zu behandeln, wenn das sexuelle Interesse erloschen ist.

Was ist eigentlich ein Nein, und was ist ein Ja?

Eine Grundregel, die eigentlich ein alter Hut sein sollte: Nein heißt Nein. Dieses Nein muss im Übrigen nicht unbedingt verbal geäußert werden. Wenn eine Frau auf der Straße angesprochen wird und weitergeht, kann das getrost als ein klares Nein durchgehen. Hinterherlaufen, bis die Frau tatsächlich „Nein“ sagt oder dazu gebracht wird, sich mit Hinweis auf einen (imaginären) Freund aus der Situation zu retten, ist tabu. Es kann auch „Nein“ bedeuten, wenn eine Frau sich wegdreht, nachdem man sie auf einer Party angesprochen hat. Als ein „Nein“ kann durchgehen, dass sie jemandem seit 10 Minuten in der U-Bahn gegenüber sitzt, Musik hört und nicht auf Blicke reagiert. Dass sie sich in einer Bar für einen angebotenen Drink bedankt, aber keine Anstalten macht, ein Gespräch zu beginnen. Dass sie gerade im Gespräch ist. Ein weiteres klares Nein: Der Einfluss von Drogen und Alkohol. Besonders Situationen, in denen weder ein „Ja“ noch ein „Nein“ entschieden ausgesprochen werden können, laufen auf ein klares „Nein“ hinaus. Und nur zur Vorsicht sei darauf hingewiesen: Die Regel “Nein heißt nein” gilt auch dann noch, wenn die ersten Grenzen gemeinsam überschritten wurden und man sich bereits nähergekommen ist. Ein Lächeln verpflichtet nicht zu einem Gespräch, ein Gespräch nicht zu einem Kuss, ein Kuss verpflichtet nicht zu Sex.

Jeder gemeinsame Schritt erfordert Konsens.

Konsequent weitergedacht bedeutet das: Nur ein „Ja“ bedeutet „Ja“. Genauso wie für das „Nein“ gilt, dass das „Ja“ nicht unbedingt verbal geäußert werden muss. Mehrfacher Blickkontakt kann als Signal gedeutet werden, ein Gespräch zu beginnen. Ein Lächeln kann als Signal gedeutet werden, an ihrer Seite zu bleiben. Ein sich langsam näherndes Gesicht kann als Zeichen gelten, dass die Person Lust hat, geküsst zu werden. Für alle Beteiligten gilt dabei immer: Bevor Grenzen gemeinsam überschritten werden, ist Kommunikation nötig. Diese Kommunikation ist das, was in einem Flirt eigentlich geschieht, und sie kann Spaß machen und wunderschön sein. Sie besteht aus Blicken, Worten, Andeutungen, Lächeln, Gesten.

Dabei gilt aber: Lerne, vermeintliche Signale nicht überzuinterpretieren. Wenn die körperliche Kommunikation, die Blicke, Gesten und Signale der anderen Person aber Zweifel daran lassen, was sie möchte und was nicht, gilt in jedem Fall: Nachfragen ist angesagt. Wenn du also nicht weiß, was Sache ist, solltest du mit allem gebotenen Respekt fragen, was die andere Person gerade tun möchte und was nicht. Beim Flirten gilt: Raten ist tabu.

Sie steht einfach nicht so auf mich. Und das ist okay.

Ganz allgemein gilt: Aller Ratgeberliteratur zum Trotz ist es immer die beste Entscheidung, ehrlich und interessiert aufzutreten, anstatt sich einem anderen Menschen mit dem perfekten Opener und einem 10-Punkte-Plan zu nähern. Auch brauchen manche Flirts Zeit, denn sexuelle Spannung entsteht nicht immer unbedingt sofort. Manchmal entsteht sie, wenn zwei Menschen sich lange unterhalten haben. Sie entsteht, wenn man authentische Gemeinsamkeiten entdeckt, miteinander lacht, Lust auf ähnliche Dinge hat. Und manchmal entsteht sie eben nicht, obwohl man Zuneigung und Sympathie empfindet. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass es spezielle Verhaltensweisen gibt, die bei Frauen ganz im Allgemeinen gut ankommen. Anziehung ist nichts, was forciert oder manipuliert werden kann, sie entsteht entweder, oder sie entsteht eben nicht. Dementsprechend unsinnig wäre es auch, Abweisungen auf die eigene “Flirttechnik” zu beziehen. Zu glauben, auf die eine oder andere Art hätte man bei der anderen Person “landen” können, beruht auf einer völlig falschen Annahme: Dass die andere Person im Grunde unfähig zu eigenen Entscheidungen ist und durch das geeignete Verhalten manipuliert werden könnte. Menschen sind nicht so. Manchmal können Frauen jemanden einfach nicht riechen, oder haben generell kein Interesse an Sex, oder ein Typ löst in ihnen einfach nichts aus, und das ist okay. Es ist allerdings von Vorteil, wenn wir die Person trotzdem leiden können. Zum Beispiel, weil sie auch noch nett ist, nachdem ihr sexuelles Desinteresse signalisiert wurde. Genau das bedeutet nämlich Respekt.

 

*”Cis-” ist ein Präfix, das in Abgrenzung zu “Trans-” verwendet wird. Wir sprechen hier von Cis-Männern, weil wir davon ausgehen, dass Trans-Männer, also Männer, die in einem weiblichen Körper geboren wurden, gesellschaftlich ganz andere Voraussetzungen haben. Wenn es um die Frage geht, wer eigentlich Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der Geschlechtsidentität erfahren muss und wer nicht, ist dieser Unterschied wichtig.